Die Globalisierung des ohnehin Globalen

31 10 2009

Das Internet gilt gemeinhin als Paradebeispiel für Weltverbindendes, sozusagen als Prototyp des Globalisierten. Dabei vergisst man, dass Internet-Adressen bisher nur aus lateinischen Buchstabenkombinationen (und eventuell arabischen Ziffern) bestehen dürfen – ohne dass dies eine Selbstverständlichkeit wäre. Die ICANN, die für die Vergabe von Domainnamen zuständig ist, hat nun beschlossen, ab Mitte November Domains mit nicht-lateinischen Zeichen zuzulassen. Wir werden uns in Zukunft also mit chinesischen und thailändischen und vielen anderen Symbolen abmühen. Ich bin schon gespannt, wie „http://www“ auf Kambodschanisch aussieht und welche Finger-Verrenkungen man auf der Tastatur vollbringen muss, um ขยันเปลี่ยนรูปนะ เอารูปเค้าขึ้นบ้างสิ อิอิ einzugeben. Noch etwas ganz anderes: Nazis haben es in Deutschland nicht geschafft, sich http://www.kz.de und http://www.ss.de zu reservieren. Vielleicht sind die mit nicht-lateinischen Zeichen schneller. Aber passt das zur Ideologie?

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Gedanken zur Weltwirtschaft

12 06 2009

„Es gibt ein gutes Leben in einer Welt ohne Wirtschaftswachstum.“
„Die kulturelle Wahrheit des Westens [ist], dass Wachstum gleichbedeutend sei mit Wohlstand, Freiheit, Glück und Frieden“.
„Eine Politik des Wohlbefindens muss die Politik des Wachstums ablösen.“
„Die westlichen Gesellschaften haben es nicht gelernt, ihre sozialen Konflikte ohne Wachstum zu lösen.“
„Unsere Zivilisation ist nicht nachhaltig. […] Es muss Änderungen im Lebensstil und im Konsum geben. Das ist unvermeidlich.“
aus: „Wachstum hat religiösen Charakter“ (Dagmar Dehmer)





Googles Urheberrechtsverstöße

8 05 2009

Brigitte Zypries, deutsche Bundesjustizministerin, nennt Google bei der Eröffnung einer internationalen Konferenz zur Zukunft des Urheberrechts in Berlin eine der großen Gefahren für das Urheberrecht im Internetzeitalter. Sie warf den Betreibern der Suchmaschine vor, mit Google Books Bücher ohne Einwilligung der Rechteinhaber im großen Stil einzuscannen und online zu stellen. Eine etwaige Verhandlung über Vergütung erfolgt erst im Nachhinein. Im Printbereich gebe es deshalb in Bezug auf ein starkes Urheberrecht großen Nachholbedarf. Ebenso wirft sie die Frage auf, ob dazu nicht eine stärkere Regulierung des Netzes erforderlich sei. Die Politik habe sich in den nächsten Jahren der Frage zu stellen, welche Konsequenzen aus der geplanten Sperre pädophiler Seiten folgen. Zurückhaltend äußerte sich Zypries dagegen zu der von den Grünen entfachten Debatte über die Einführung einer Kultur-Flatrate, die eine pauschale Vergütung für die private Vervielfältigung vorsieht.





„Trend zum Event“

18 04 2009

„Trend zum Event – Die neue Festkultur einer atemlos gelangweilten Gesellschaft“ lautet der Titel des neuen Buchs von Markus Dewald. Die „atemlos gelangweilte Gesellschaft“ erinnert ein wenig an Neil Postmans Klassiker „Wir amüsieren uns zu Tode“. Erschienen ist Dewalds Werk im Verlag Jan Thorbecke, einem der renommiertesten Sach- und Fachbuchverlage. In 11 Kapiteln auf 158 Seiten analysiert er kulturelle Entwicklungen in den westlichen Gesellschaften. In „St. Valentin – Konsumrausch in Rosarot“, „An Ostern geht’s so richtig los – Die Eröffnung des kollektiven Freizeitparks“ und „X-Mas statt Weihnachten“, um nur drei Beispiele zu nennen, versucht Dewald die Veränderungen an Hand einer Vielzahl von Beispielen aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen. Einerseits, so resümiert er, werden immer mehr Bräuche aus anderen Kulturen übernommen, andererseits verlieren traditionellen Feste aus dem eigenen Kulturraum zunehmend an Inhalt und verkommen zum reinen Event einer konsum- und spaßorientierten Gesellschaft. Dass der Verlag selbst mit Aussagen wie „Kritisch, ironisch, amüsant!“ und „Für alle, die im Spätsommer noch kein Weihnachtsgebäck kaufen wollen“ wirbt, dürfte ein kleines Zugeständnis an den durchschnittlichen Bücherkäufer sein, dem damit signalisiert wird, dass es sich nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung handelt. Dabei ist Dewalds Buch durchaus gut recherchiert, wartet mit zahlreichen bemerkenswerten, ja auch amüsanten Details auf und ist zudem ansprechend geschrieben. Das Thema selbst bleibt ernst. Schon zu Beginn seines Buches formuliert der Autor: „Der Mensch, nicht mehr ein denkendes, heute mehr denn je ein konsumierendes Wesen! Materieller wie immaterieller Konsum steht hoch im Kurs. Unterhaltung und Zerstreuung müssen immer stärkere Reize ausüben, immer stärkere Reizmittel, immer intensiver wirkende Stimulantien braucht der Mensch für seine abgestumpften Sinne.“ Die knappe, aber in ihrer Wirkung kaum zu unterschätzende Formel dazu lautet „Consumo, ergo sum“. Markus Dewald ist dazu – leider – ein brilliantes Buch gelungen.
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