Warum wir Smileys brauchen und nicht nur sie

4 02 2010

Die digitalen Medien haben eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie ermöglichen schriftliche Kommunikation, die nicht-schriftlichen Regeln folgt. Anders formuliert: Es wird zwar getextet, gesimst und gechattet – alles in „gedruckten“ Buchstaben -, aber das Gespräch selbst könnte so auch von Mund zu Mund stattgefunden haben. Das führt dazu, dass typische Zusatzinformationen wie Mimik, Gestik und meinetwegen auch Paraverbales fehlen. Das drängt uns dazu, dauernd Smileys zu setzen. Ich ertappe mich selbst dabei, immer wieder bei Belanglosigkeiten ein 🙂 dahinterzusetzen, damit noch mein Wohlwollen transportiert wird. Aber ist denn das überhaupt nötig? Ist mein Text ansonsten so unverständlich, dass es das braucht? Wenn er das ist, dann sollte ich überlegen, ob ich auf die Äußerung auch hätte verzichten können. Paraverbales wie zum Beispiel „äh“ und „öh“ filtern wir in einem Gespräch unbewusst heraus. Einige Schüler lieben es zwar, die „äh“s und „öh“ ihrer Lehrer zu zählen, aber normalerweise schenken wir diesen wenig Aufmerksamkeit. Stellen wir uns nun vor, dass jemand in seiner schriftlichen Online-Kommunikation diese paraverbalen Eigenheiten weiter pflegt. Der Text wäre bzw. ist kaum zu verstehen, auf alle Fälle brauchen wir viel länger dazu. Es spricht nichts dafür, so etwas in digitalen Medien von sich zu geben, doch kommen hier ungeordnete Gedankenströme (James Joyce hätte seine Freude!) viel öfter vor als man glaubt. Einschlägige Foren und Blogs, die um einiges weniger Leser haben als Retrakon, dokumentieren das tausendfach. „ÄH ÄH ÖH ÖH da würde ich niemals süchtig machende stoffe reinmachen ! ^^ mh aber irgendwie seh ich doppelt hier steht überall das gleiche :o) *sich aber doch noch nen Keks nimmt wenn Sw…

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Macht das Internet glücklich?

3 02 2010

Eine sehr geschätzte Leserin von Retrakon hat mich auf den Beitrag „Warum Bloggen glücklich macht“ aufmerksam gemacht. Darin schreibt der Blogger, dass er viele gute Bekanntschaften über das Internet geschlossen hat. Weiters bezieht er sich auf eine Studie, die besagt, dass das Internet keine negativen Auswirkungen auf die Sozialbeziehungen von Jugendlichen hat. Anders formuliert: Bloggen und Facebooken macht tatsächlich glücklich. Das bringt mich zur Frage, wie es bei mir persönlich aussieht. Macht mich Bloggen glücklich? Kenne ich mehr Leute, weil es das Internet gibt? Schon die erste Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Rechne ich die Freude an guten Diskussionen gegen den Ärger durch schlechte auf, komme ich wahrscheinlich zu keinem Ergebnis. Warum mache ich das überhaupt? Vielleicht aus einem Egoismus heraus, für mich zu dokumentieren, was mich interessiert und beschäftigt. Früher habe ich das auf kleinen Zettelchen gemacht (was ich nicht aufgegeben habe), heute ist es zusätzlich ein Weblog. Würde mich das Bloggen wirklich unglücklich machen, hätte ich es wahrscheinlich schon wieder aufgegeben. Ein Glücksgefühl stellt sich meistens dann ein, wenn ein Beitrag von besonders vielen gelesen und/oder kommentiert wird. Das ist mir aufgefallen. Wie sieht es aber mit der zweiten Frage aus? Kenne ich mehr Leute durch das Internet? Ehrliche Antwort: Letzten Endes nicht. Ich darf mich insofern als Internet-Pionier bezeichnen, als dass ich mich damit seit 1993 beschäftige, das sind immerhin 17 Jahre. Als es die ersten Chatrooms gab, war das etwas Besonderes und es gab eine Zeit, in der ich diese auch viel genutzt habe. Dadurch sind einige Bekanntschaften entstanden, die sich mehr oder weniger lange gehalten haben. Wie sieht es damit aus? Ich habe zu niemandem mehr Kontakt, den ich nur online kannte. Sogar mein erster Facebook-Friend – Leilani aus … keine Ahnung mehr woher – ist nicht mehr in meiner Freundesliste. Vielleicht fehlt einfach die Zeit dazu, solche Freundschaften zu pflegen (dann wäre ich mit Frank Schirrmacher, dessen Buch „Payback“ ich gerade lese, einer Meinung), vielleicht ist es auch die pure Oberfläche, die einem irgendwann auf den Geist geht (ja, wortwörtlich). Versöhnliches zum Abschluss: Mit den Leuten, die ich persönlich kenne, lässt sich per Internet oft sehr gut Kontakt halten. Zumindest darüber bin ich froh. Wie seht ihr das?





Achtung Farmville!

1 02 2010

Innerhalb weniger Monate hat es das Spiel „Farmville“ im Online-Netzwerk Facebook auf knapp 75 Millionen Spieler gebracht. Virtuelle Bauern aus allen Teilen der Welt beackern seit Juni 2009 ihr kleines Stück Internet-Land. Verbraucherschützer warnen nun vor der Datensammelwut des Anbieters, einige Spieler berichten sogar von unerlaubten Konto-Abbuchungen. Dabei ist Farmville nur ein Spiel unter vielen: Fishville, Petville und Mafia Wars stammen ebenfalls aus dem Hause Zynga. Zynga macht mit den virtuellen Welten reales Geld. Bei dem schon genannten Farmville zum Beispiel kann man zwar zunächst kostenlos mit Fleiß „Erfahrungspunkte“ sammeln und virtuelles Geld verdienen, um sich Saatgut und Tiere kaufen zu können. Dafür muss der Farmer – wie im richtigen Leben – regelmäßig nach seinen Pflanzen sehen, damit sie nicht eingehen. Will man aber ein Haus, auch in der virtuellen Welt ist dies natürlich ein Statussymbol, so kommt man mit echtem Geld viel schneller ans Ziel. Dafür braucht man ein PayPal-Konto oder eine Kreditkarte. Kritiker warnen aber davor, denn die Geschäftspraktiken und die Auffasssung von Datenschutz von Zynga und seinen Partnern sind oft mehr als dubios. In den USA wurde bereits eine Sammelklage eingereicht.





Bücher im „Gesichtsbuch“

29 01 2010

Es gibt in letzter Zeit verschiedene Aktionen innerhalb von Facebook, bei denen es darum geht, etwas Bestimmtes als Statusmeldung zu veröffentlichen. Einmal war es die Farbe des BHs, dann wieder durch einen Ländernamen codierte Beziehungsumstände. Vor ein paar Tagen bin ich das erste Mal auf folgende Aufforderung gestoßen: „Regeln des Spiels: Schnapp dir das nächstliegende Buch. Jetzt. Schlag Seite 56 auf. Suche den 5. Satz. Veröffentliche den Satz als „Was machst du gerade?“ & schreibe die Regeln als Kommentar dazu.“ So etwas gefällt mir. Ich persönlich konnte diesem Wunsch noch nicht nachkommen, weil a) meine Bücher in meiner umfangreichen Bibliothek alle gleich weit entfernt zu sein scheinen und gerade liegt keines herum und b) Ich nicht weiß, was ich machen soll, wenn die Seite mit einem angebrochenen Satz beginnt. Zählt dieser schon als Nr. 1 oder nicht. Ja, ja, das sind Probleme. Nun, wer mich kennt, weiß dass ich Bücher liebe und gerne darüber rede und schreibe. Interessant finde ich deshalb einzelne Kommentare, die es bereits zu Postings anderer Facebook-User gab. Zum Beispiel: a) „Meine Bücher haben hauptsächlich nur Bilder, und kaum 56 Seiten …„, b) „Internet hot koane Seiten“ und c) „Geat Mikimaus lei bis 50?





Realtime und einige Gedanken dazu

3 12 2009

Schon wieder Anmerkungen zur Zeit und dem Zeitbegriff, werden sich einige denken. Als der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand mit seiner Frau Sophie am 28. Juni 1914 in Sarajevo ermordert wurde, veröffentlicht der „Tiroler Volksbote“ auf seiner ersten Seite einen Artikel mit dem Titel „Der Mord am Thronfolgerpaar“. Das interessante an der ganzen Sache ist, dass die Zeitung am 10. Juli (!) 1914 erschienen ist. Zwischen Ereignis und Berichterstattung lagen zwei Wochen. Gut, andere Zeitungen haben natürlich sofort am nächsten Tag darüber berichtet, anderes würde man auch nicht erwarten. Durch die Segnungen der modernen Technik wird es möglich, immer weniger Zeit zwischen Vorgefallenem und Berichterstattung verfließen zu lassen. Ja, es ist sogar möglich, in realtime, in Echtzeit zu berichten – von jedem Punkt der Erde für alle Menschen mit einem entsprechenden Zugang. Bemerkenswert finde ich diesbezüglich, dass der 31-jährige Dana Hanna während seiner Hochzeitszeremonie das Handy herauszieht und kurz vor dem entscheidenden Kuss zu filmen beginnt, das Video online stellt und gleichzeitig seinen Status auf Facebook verändert. Auch für seine Frau Tracey, die von der Aktion nichts wusste, hat er das Handy mitgebracht, damit sie ebenfalls ihren Status ändern konnte. Es fehlt nun nur noch eine Berichterstattung vor den Ereignissen selbst. Sozusagen in Überlichtgeschwindigkeit.





Krimineller Star

8 11 2009

10936_169733469554_168963914554_2637742_318007_nDer Geldbote Tony Musulin ist 39 Jahre alt und vor ein paar Tagen mit 11,6 Millionen Euro, die der Banque de France gehören, spurlos verschwunden. Seinen Geldtransporter hatte man gefunden, von dem Fahrer und der Beute fehlte jedoch jede Spur – die Polizei fand seine Wohnung leergeräumt vor; der Unverheiratete und Kinderlose hatte seine Papiere mitgenommen und seine Konten abgeräumt. Man könnte nun meinen, dass ein solch kriminelles Vorgehen bei der Bevölkerung Entrüstung auslöst. Weit gefehlt. Auf Facebook ist Musulin ein Star. Es gibt Fanclubs, seine Aktion wird bewundert, er erhält „Bravo“-Zurufe, wird als Held gefeiert. Klar, böse Buben werden immer irgendwie bewundert. Robbie Williams darf grimmig dreischauen, (vor Ayda) Frauen abservieren, Stinkefinger zeigen, sich unrasiert und ungewaschen in der Öffentlichkeit zeigen etc., das mag das Publikum. Das ist aber ganz etwas anderes. Wie würden die 3.944 Fans des Tony-Musulin-Fanclubs reagieren, wenn es ihr Geld gewesen wäre? Aber „Just for fun“ ist alles in Ordnung.





Wenn das Gesichtsbuch das Gesicht verliert

23 10 2009

Mein Verhältnis zu Facebook ist gespalten. Das sage ich als aktiver User mit fast 500 „Freunden“. Denn der Umgang der Nutzer in und mit Sozialen Netzwerken ist nicht immer unproblematisch. Ob die Zeit, die damit verbracht wird, täglich sinnarme, und nicht einmal originelle Tests zu machen, um dann zu erfahren, dass man heute 87% sexy ist (und es egal ist, ob man aussieht wie ein Mülleimer oder wie der Fleisch gewordene Traum des anderen Geschlechts), nicht wesentlich sinnvoller genutzt werden kann, sei dahingestellt. Der Mensch braucht einen Tropfen Zerstreuung und findet einen Ozean. Facebook-Gruppen wie „Tod für Berlusconi“ oder „Uccidiamo Berlusconi“ zeigen hingegen ein anderes Bild der Web-2.0-Gemeinschaft. Auch wenn die Gruppen als „Just for fun“ gekennzeichnet waren, 17.000 Mitglieder sind nicht zu ignorieren. Dass die Aktions-Website geschlossen werden soll und bereits Anzeige erstattet wurde, kann unterschiedlich aufgefasst werden. Lächerlich, kleinkariert, antidemokratisch heißt es auf der einen Seite, notwendig und in diesem Fall richtig auf der anderen. Was „Just for fun“ ist, wird damit zum Streitgegenstand. Ob man Klopapier vor Gebrauch faltet oder verwurstelt, mag als Spaßbekenntnis durchgehen, bei einem Mordaufruf, wer immer auch das potentielle Opfer ist, wird es schon schwieriger. Die Oxford-Professorin und Bestseller-Autorin Susan Greenfield vertritt die These, dass Computertechnologien das menschliche Bewusstsein massiv verändern und das Gehirn infantilisieren können: Computerspiele verkürzen die Aufmerksamkeits-Spannen bei Kindern und fördern ADHS; Personen, die zu viel Zeit in Cyberwelten verbringen, leben nur für den „Thrill of the Moment“; durch Computerspiele kann der Sinn für Metaphern und abstrakte Konzepte verloren gehen, weshalb die Psyche der Zukunft mehr einer kindlichen als einer erwachsenen ähnle. Andererseits werden Fähigkeiten wie Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen in Cyberwelten seltener gefordert. Dadurch verkümmere möglicherweise der präfrontale Kortex, jenes Hirnareal, in dem Fantasie und Empathie angesiedelt sind. Die Folge könnte gesteigerte Risikofreude, Gier und Rücksichtslosigkeit sein. Just for fun.