Was ein Literat über die aktuellen Missbrauchsfälle denkt

17 03 2010

„War Sokrates ein Päderast? Eine solche Frage ist wie ein roher Griff, der jeden delikaten Stoff unkenntlich macht. In den Augen der Politik verführte er junge Menschen zu gottlosen Fragen – und eröffnete damit einen zweitausendjährigen Diskurs der Aufklärung, der mit allem, was am Eros peinlicher Erdenrest bleibt, nicht aufgeräumt hat, und es, wenn er klug war, auch gar nicht versuchte. Das hat seine Gründe, die nicht im Missbrauch eines Einzelnen liegen, sondern im zwangsläufig Normwidrigen, das mit Sexualität verbunden ist.“ – Adolf Muschg (1934-), Schweizer Schriftsteller

Advertisements




Schöne (?) neue (!) Welt (?!)

11 12 2009

Forschern der New York University um Elizabeth Phelps ist es erstmals gelungen, negative Erinnerungen zu löschen, ohne dabei Medikamente einzusetzen. Das menschliche Gedächtnis ist nicht, wie bisher angenommen, ein starrer, unveränderlicher Speicher. Erinnerungen werden regelmäßig reaktiviert und auf ihre aktuelle Relevanz hin überprüft, bevor sie erneut gefestigt werden. Während dieser Rekonsolidierungsphase lassen sich Gedächtnisinhalte verändern, und eben auch löschen.





Verjährt Zeit?

2 12 2009

Der Münchner Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk beschäftigt mich seit einiger Zeit. Die Frage, die angesichts eines 89-jährigen, anscheinend kranken Angeklagten auftaucht, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer solch späten Ahndung. Viele behaupten, man sei es den Opfern schuldig und ein solches Vergehen dürfe niemals verjähren; viele behaupten aber auch das Gegenteil. Doch die Prozesse um längst vergangene Naziverbrechen gehören nur zu einer Gruppe solcher Dilemmata. Wie viel Zeit muss vergehen bis es sinnlos wird, eine Tat zu ahnden, ein Ereignis zu revidieren, eine Situation zu akzeptieren? Wie ist das mit politischen Konstellationen? Schottland, Nordirland, Südtirol, Baskenland, Kurdistan, Zypern etc. (wobei alle hier aufgezählten Beispiele ihre ganz speziellen Eigenheiten haben). Ist irgendwann so viel Zeit vergangen, dass eine Revision vergangenen Unrechts noch mehr Unrecht schafft? Und wer entscheidet, was durch die Zeit relativiert wird und was nicht?





Die böse Maus

6 11 2009

Micky Maus ist langweilig. Und mit Langeweile kann man kein Geld verdienen. Deshalb entschied der familienfreundliche Disney-Konzern, ihr Aushängeschild aufzupeppen (oder abzupeppen, wie man es sehen will). Im Computerspiel „Epic Mickey“ bewegt sich nun die Figur durch eine kaputte Comic-Welt, die von kaputten Comic-Figuren bevölkert wird. Wunderbar. Warren Spector, einer der Erfinder dieser neuen Maus, wollte ihr die Möglichkeit geben, böse zu sein. Das klingt im Prinzip sogar plausibel. Aber wahrscheinlich hat er einfach zuviel „A Clockwork Orange“ gelesen oder geschaut und möchte jetzt Gott spielen.





Neue Methode für Menschenklone

4 08 2009

Ein chinesisches Forscherteam um den Biowissenschaftler Xiao-yang Zhao hat an der Akademie der Wissenschaften in Peking eine Maus aus einer einzigen Hautzelle entstehen lassen. Revolutionär ist an der entwickelten Technik in medizinethischer Hinsicht, dass damit gezeigt wurde, dass sich normale Gewebezellen so rückprogrammieren lassen, dass sie die umstrittenen embryonalen Stammzellen ersetzen können. Das heißt, dass der Mensch in der Lage ist, soweit in den Kreislauf der Natur einzugreifen, dass es nicht einmal mehr einer embryonalen Stammzelle bedarf, um ein Lebewesen zu klonen. Rückprogrammieren bedeutet in diesem Fall, dass die Zelle so manipuliert wird, dass sie sich später wieder in die 240 verschiedenen Gewebearten differenzieren kann, aus denen der Mensch besteht. Die chinesischen Forscher haben gezeigt, dass aus einer solchen Zelle, deren innere Uhr zurückgestellt wird, auch ein komplettes Lebewesen – in diesem Fall die Maus Xiao Xiao – entstehen kann. Damit könnte man langfristig auf embryonale Stammzellen verzichten. Kritiker bleiben skeptisch. Die ethischen Diskussionen werden trotzdem nicht verstummen. Wie geht die Menschheit damit um, dass es ihr technisch möglich sein wird, aus einzelnen Gewebezellen identische Kopien von Lebewesen herzustellen?