Krimineller Star

8 11 2009

10936_169733469554_168963914554_2637742_318007_nDer Geldbote Tony Musulin ist 39 Jahre alt und vor ein paar Tagen mit 11,6 Millionen Euro, die der Banque de France gehören, spurlos verschwunden. Seinen Geldtransporter hatte man gefunden, von dem Fahrer und der Beute fehlte jedoch jede Spur – die Polizei fand seine Wohnung leergeräumt vor; der Unverheiratete und Kinderlose hatte seine Papiere mitgenommen und seine Konten abgeräumt. Man könnte nun meinen, dass ein solch kriminelles Vorgehen bei der Bevölkerung Entrüstung auslöst. Weit gefehlt. Auf Facebook ist Musulin ein Star. Es gibt Fanclubs, seine Aktion wird bewundert, er erhält „Bravo“-Zurufe, wird als Held gefeiert. Klar, böse Buben werden immer irgendwie bewundert. Robbie Williams darf grimmig dreischauen, (vor Ayda) Frauen abservieren, Stinkefinger zeigen, sich unrasiert und ungewaschen in der Öffentlichkeit zeigen etc., das mag das Publikum. Das ist aber ganz etwas anderes. Wie würden die 3.944 Fans des Tony-Musulin-Fanclubs reagieren, wenn es ihr Geld gewesen wäre? Aber „Just for fun“ ist alles in Ordnung.

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Die verlorene Kindheit oder Die spinnen, die Briten

27 10 2009

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Das ist in Ordnung. Wer nichts leistet, gehört nicht dazu. Darüber kann und soll man diskutieren. Wenn ich aber lese, dass in Großbritannien bereits Siebenjährige ihre Karriere planen sollen, dann mutiere ich unfreiwillig zum Hippie. Und mit Hippies hatte ich nie etwas am Hut, noch wollte ich, dass es so war. Das ganze erinnert mich ein wenig an Neil Postmans 1987 erschienene Buch „Das Verschwinden der Kindheit“. Wenn Kinder nicht mehr Kinder sein dürfen, wenn sie den ganzen Druck, der auf Erwachsene lastet, schon im Grundschulalter spüren, dann läuft etwas falsch. Und vielleicht ist das auch ein Grund, wieso sich andererseits heute immer mehr Erwachsene weigern, erwachsen zu werden. Ein schönes Paradoxon. Dem britischen Bildungsminister Ed Balls sage ich nur eines: Che balle!





Mehr ist mehr ist mehr

11 10 2009

Hungary Miss Plastic

Was passt besser auf den gestrigen Artikel? Natürlich die Nachricht, dass in Ungarn die erste Miss Plastic gewählt wurde. Ein Schönheitswettbewerb, bei dem nur Frauen teilnehmen durften, die mindestens eine Schönheitsoperation vorzuweisen hatten. Botox sei zu wenig, so die Veranstalter. Zugegeben, die Damen sehen nicht schlecht aus und der Gewinnerin kann man durchaus ein wenig Ausstrahlung attestieren, aber wenn man weiß, dass hinter dem Wettbewerb Schönheitskliniken und andere Firmen dieser Branche stehen, dann ist die Absicht klar. Ich prophezeie einmal in den Wind hinaus: Nachdem man uns Männern bis zum Jahr 2020 erfolgreich eingebläut haben wird, dass wir uns auch schminken sollen und Gesichtsmasken brauchen, ist bis 2030 die Standardschönheitsoperation für den Mann auf dem Plan.





Weniger ist weniger ist weniger

10 10 2009

Schlanke Models sind eine Sache, unnatürlich magere eine andere. Unnatürlich unnatürlich dünne, weil digital manipulierte Frauenkörper sind noch eine ganz andere Angelegenheit. Geschehen bei Ralph Lauren. Seht selbst:
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Welchen Grund gibt es, am Original-Körper (rechts) digital Hand anzulegen?





Alles umdrehen?

6 10 2009

Die Seite DNews hat vor wenigen Stunden eine Meldung veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass man in Frankreich das immer größer werdende Problem der Schulschwänzer dadurch zu lösen versucht, indem man Schüler, die NICHT schwänzen, mit Bargeld, Fußballtickets oder Führerscheinprämien belohnt. Ich finde diesen Weg falsch. Es geht nicht darum, dass es schlecht wäre, Menschen für Leistungen zu belohnen, ganz im Gegenteil, das sollte sogar so sein und spornt an. Ich finde es aber bedenklich, dass hier nicht Leistungen sondern Selbstverständlichkeiten eigens belohnt werden. Auch wenn einige Schulen die Belohnung nicht an einzelne Schüler, sondern an die ganze Klasse am Ende des Schuljahres vergibt, scheinen mir 10.000 Euro dafür, dass jemand ein kostenloses Bildungsangebot „unfreiwillig“ (d. h. nur unter der Voraussetzung, dafür bezahlt zu werden) annimmt, vollkommen unangemessen. Ich formuliere es abschließend hart und vielleicht implizit derb: Eine solche Methode vermittelt jungen Menschen das Gefühl, dass alles nur wegen des finanziellen Profits gemacht werden soll. Und das erinnert mich an das älteste Gewerbe. So, jetzt dürft ihr auf mich einhacken.





Oh, dieses Twitter!

28 09 2009

Wir erinnern uns: Schon einmal wurden Wahlergebnisse in Deutschland vor offizieller Bekanntgabe auf Twitter veröffentlicht. Nachdem man daraus seine Lehren gezogen hat und für zukünftige Wahlen ein striktes Verbot ausgesprochen hat, tauchten nun zur Wahl am vergangenen Wochenende wieder zahlreiche Tweets mit den Wahlergebnissen auf – einige Stunden vor Schließung der letzten Wahllokale. Die Ergebnisse waren zum Teil vollkommen aus der Luft gegriffen und frei erfunden. Noch viel schlimmer aber ist die Tatsache, dass unter den Namen von Parteien Accounts angemeldet wurden, über die die falschen Daten gepostet wurden. Demokratiepolitisch gesehen ist dieses Verhalten problematisch. Selbst wenn die Ergebnisse nicht der Wirklichkeit entsprechen, können sie Wähler, die ihre Stimme noch nicht abgegeben haben, beeinflussen. Twitter konnte schon einige Male zeigen, dass es neben allen Überflüssigkeiten doch sinnvolle Anwendungen gibt. Selbsternannte Scherzkekse, die mit erfundenen Zahlen Unfug stiften, schaden dem Medium.





Bachelor-Studien machen krank

14 09 2009

Bildungssysteme – egal in welchem Land – zeichnen sich dadurch aus, dass sie ständig reformiert werden. Und wenn es nicht tatsächlich geschieht, dann wird lange und breit darüber geredet. Es scheint sogar so, als wäre dies immer schon so gewesen. In anderen Worten: Die aktuelle Bildungssituation wird stets als unzufriedenstellend empfunden. Eine solche anscheinend überfällige Reform war auch die so genannte Bologna-Reform in Deutschland. Damit wurde u. a. das Bachelor-Master-System eingeführt. Eine aktuelle Studie der Bildungsgewerkstatt GEW bringt nun ans Licht, dass Bachelor-Studenten besonders oft an Depressionen, Angstattacken, Versagens­ängsten, Schlafstörungen oder Magenkrämpfen leiden. Dies zeigt sich auch dadurch, dass am meisten Antidepressiva und Psychopharmaka an Bachelor-Studenten (im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen) verschrieben und verkauft werden. Stress, hoher Erfolgsdruck und andere Belastungen sind dafür verantwortlich. Einer der Gründe, den BA-Titel einzuführen, war es, Studien für mehr Menschen zu öffnen oder (wenn man es so will) in den internationalen Statistiken zur Ausbildungssituation gut dazustehen. Aber manchmal geht der Schuss nach hinten los. Vor allem, und das ist die eigentliche Kritik, wenn Reformen halbherzig oder aus anderen Gründen als den offen vorgetragenen durchgepeitscht werden.