Was ein Literat über die aktuellen Missbrauchsfälle denkt

17 03 2010

„War Sokrates ein Päderast? Eine solche Frage ist wie ein roher Griff, der jeden delikaten Stoff unkenntlich macht. In den Augen der Politik verführte er junge Menschen zu gottlosen Fragen – und eröffnete damit einen zweitausendjährigen Diskurs der Aufklärung, der mit allem, was am Eros peinlicher Erdenrest bleibt, nicht aufgeräumt hat, und es, wenn er klug war, auch gar nicht versuchte. Das hat seine Gründe, die nicht im Missbrauch eines Einzelnen liegen, sondern im zwangsläufig Normwidrigen, das mit Sexualität verbunden ist.“ – Adolf Muschg (1934-), Schweizer Schriftsteller

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4 responses

18 03 2010
Selma

Also, entweder stehe ich gewaltig auf der Leitung, oder mir ist die Lesekompetenz abhanden gekommen. Obwohl ich den obigen Text jetzt schon mehrmals gelesen habe, bin ich nicht recht draufgekommen, was er mir sagen will. Ich verstehe noch vage, wie man von Sokrates (der fast schon als literarische Figur von Platon betrachtet werden kann) auf die knabenschändenen Männer hinter Klostermauern kommt. Aber wie man in einem Atemzug behaupten kann, Sokrates habe mit seinem Prinzip der Fragestellung die Aufklärung iniziert, was „in den Augen der Politik“ auch so eine Art Kinderschändung gewesen sein soll (und somit, Herr Muschg, mit sexuellem Missbrauch gleichzusetzen??) und – so munter weiter – zu einem unaufgeräumten Verhältnis zum Eros geführt habe, um dann damit zu enden, dass mit Sexualität ohnehin das „Normwidrige“ verbunden sei – das sind für meine Logik dann doch ein paar zu wilde assoziative Sprünge. Ich möchte wissen, der Reihe nach:
– Zieht er Sokrates aus dem Hut, um die Kirche zu ent-schuldigen?
– Ist das eine unterschwellige Analogie, die ich da herauslese: Jugendverführung zu „gottlosen Fragen“ war etwas Gutes, also könnte auch die Jugendverführung zu sexuellen Handlungen ihr Gutes haben??
– Was heißt: Der aufklärerische Diskurs versuchte nicht, mit dem „peinlichen Erdenrest“ des Eros aufzuräumen, wenn er klug war? Sind wir demnach dumm, wenn wir versuchen, unangenehme Wahrheiten offenzulegen?
– Warum ist das Normwidrige in der Sexualität „zwangsläufig“?

Nein, ich verstehe das nicht. Vielleicht ist das Zitat aus einem Kontext gerissen, den ich nicht nachvollziehen kann? Doch müssten die Sätze nicht auch einfach nur „für sich“ stehen können? Oder irritiert mich dieser kurze Text deswegen so, weil er für mich einer geistigen Haltung entspringt, die der meinen diametral entgegensteht?

18 03 2010
wiesion

ich muss zugeben ich bin mit dieser kryptischen aussage auch überfordert, keine ahnung was er damit aussagen wollte.

und: soweit ich in erinnerung habe – ich kann mich hier aber auch täuschen, korrigiert mich – wurde sokrates verachtet und gehasst weil er der jugend einen verwerflichen denk- bzw. diskussionsstil beibrachte (u.a. das persönliche ins öffentliche übertragen); und nicht weil er ein erastes war, was in grossen landstrichen griechenlands gang und gäbe war – insofern verstehe ich die assoziation überhaupt nicht.

19 03 2010
retrakon

Dann geht es uns allen gleich. Ich habe noch niemanden gesprochen oder gelesen, der mit der Aussage von Adolf Muschg etwas anfangen konnte.

21 03 2010
Selma

hmm. hab mir jetzt die mühe gemacht, den originaltext zu suchen und zu lesen. naja. es scheint darum zu gehen, dass muschg den leiter der odenwaldschule „freisprechen“ will. dazu bemüht er einerseits den sokrates und die griechische antike im allgemeinen. die bemüht man ja immer, wenn man versucht, irgendwas zu legitimieren („die alten griechen damals haben auch auch…“). nur, weil die griechen klassiker geworden sind, haben sie aber nicht alles richtig gemacht. und dann kommt er mit der reformpädagogik und damit, dass „nähe“ ein „lebensmittel“ und kein missbrauch sei. die frage ist nur, was mit „nähe“ gemeint ist. klar, man kann es auch übertreiben: wenn ein lehrer/eine lehrerin einem schüler/einer schülerin nicht mehr z.B. die hand auf die schulter legen darf, weil das schon eine form der „belästigung“ oder des „missbrauchs“ darstellt, dann ist das fragwürdig. aber die überbordende euphorie der sexuellen revolution, bei der man eine zeitlang tatsächlich dachte, auch kinder könnten (sollten?) gleichwertig und mündig über ihre sexualität verfügen, war letztlich ein schuss in den ofen. klar fühlt sich eine elfjährige, um jetzt ein beispiel zu machen, geschmeichelt, wenn der „tolle lehrer“ ihr komplimente oder gar avancen macht. vielleicht ist sie sogar „einverstanden“, sich mit ihm privat zu treffen, um die beziehung zu vertiefen. aber es geht um schutzbefohlene, um menschen, für die man verantwortlich ist. darauf kann nicht oft genug hingewiesen werden. und deswegen finde ich den muschg-text auch nach dem lesen des volltextes einfach daneben. kein lehrer, keine lehrerin braucht zu einem schutzbefohlenen eine nähe, die über, sag ich mal, eine umarmung hinausgeht (umarmung zum nonverbalen trost oder lob, und auch da muss man vorsichtig sein, nota bene). von einem „lebensmittel“ zu sprechen, ist einfach lächerlich.

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