Was von nachtaktiven mexikanischen Schwanzlurchen zu halten ist

13 03 2010

Viel wurde über Helene Hegemanns Romandebüt „Axolotl Roadkill“ geschrieben. In erster Linie beschäftigte man sich mit den Plagiatsvorwürfen und darüber hinaus mit der Frage, ob nicht viele große Literaten vor Hegemann auch schon abgekupfert hätten. Der Inhalt des Buches rückte so weitgehend in den Hintergrund und ich frage mich, ob alle jene, die über das Buch urteilen, es auch gelesen haben. Seit gestern kann ich dies zumindest für mich in Anspruch nehmen. Vier Zugfahrten á 50 Minuten reichten, um das 200 Seiten starke Buch hinter mich zu bringen. Es ist schon erstaunlich, was eine 17-Jährige zu Papier bringt. Ihr wurde oft vorgeworfen, mit Fremdwörtern herumzuwerfen und intelligent zu wirken. Das hat mich nicht gestört. Ob es besser ist, dass eine junge Frau wie sie ihr Analsex- und Sadomaso-Vokabular aus dem Internet kopiert hat, sei in den Raum gestellt. Nach dreißig Seiten kennt man Hegemanns Stil und wenn eine Seite ohne das Wort „kotzen“ auskommt, dann stutzt man bereits. Was man aus dem Buch lernt, ist, dass man sich auf harten Drogen dauernd übergeben muss und die Welt wortwörtlich zum Kotzen findet. Dafür hätten aber dreißig Seiten gereicht. Irgendwann verkommt das ständige Gerede über das Kotzen aber zum Selbstzweck und macht den Roman dadurch nicht besser. Einen fehlenden roten Faden und eine fehlende Handlung im eigentlichen Sinne verzeiht man der Autorin immerhin, wenn man bedenkt, welch gebrochene Gestalten sie im Buch portraitiert. Beeindruckend sind auch immer wieder einzelne Satzkonstruktionen, in denen sie Vokabular miteinander verflechtet, das den Leser wie eine Bombe trifft – allerdings mit dem bitteren Nebengeschmack der Frage, ob gerade diese Passagen nicht von ihr selbst stammen. Aber damit muss sie leben. Einige Abschnitte wirken altklug oder sogar pseudointellektuell und Sätze, die bedeutungsrauschig als Absatz alleine stehen, wie jener, in dem sie den Konsum von Heroin mit dem In-die-Welt-Setzen von Kindern vergleicht, drängen zur Frage, wem die Autorin etwas beweisen will. Allenfalls der Titel spricht mich an, und das, was er ausdrückt. Immerhin. Die Liste der Personen, die Hegemann am Ende des Buches für Inspiration dankt/danken muss, wird dagegen von Auflage zu Auflage länger. Jedes Kapitel beginnt mit einem – zumindest namentlich gekennzeichneten – Zitat; ein Kapitel macht eine Ausnahme: „16. Juni“. Dass sie ausgerechnet den Bloomsday an sich reißt, zeigt, dass sie sich wirklich überall bedient, auch wenn diese Anspielung die wenigsten Leser verstehen werden. All das verzeihe ich ihr ohne Augenzwinkern. Nur eines nicht: Das Buch ist grottenlangweilig. Das war für mich der eigentliche Schock. Man kann die Figuren weder hassen für ihr verkorkstes Leben noch sie bemitleiden. Ab der dreißigsten, vierzigsten Seite passiert nichts mehr, was man nicht schon bei ihr gelesen hat. Und das Ende ist weder ein Ende mit Schrecken noch eines der Erleichterung. Der erste Satz (ebenfalls abgekupfert) „Let me entertain you“ ist gelogen – und das ärgert mich.

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2 responses

13 03 2010
Selma

sehr hübsch finde ich in diesem „kotzigen“ Kontext die Formulierung „gebrochene Gestalten“ – kann man sich richtig plastisch vorstellen… 🙂
Danke für diese Rezension. Hmmm. Ich lese Bestseller ja eher nicht, hab mir auch „Feuchtgebiete“ erspart, aber ich höre mir dafür umso aufmerksamer an, was andere darüber zu sagen haben, vor allem, wenn mich diese anderen qualitativ überzeugen. Falls du einen neuen Buchtipp suchst und dir der Sinn ausnahmsweise nicht nach Langeweile steht: Nekropolis von Boris Pahor (den hab ich ja letzthin schon mal empfohlen).

13 03 2010
Selma

ein Zitat aus Nekropolis, das ich einfach nur wundervoll finde:
„Heutzutage sind wir eigentlich armselig angesichts der zu großen Menge Bilder und Eindrücke; wir haben unsere Liebe zerbröselt und uns von ihr entfernt. Wir haben genau das Gegenteil von dem getan, was die Bienen machen; wir haben den Blütenstaub über Millionen Dinge zerstreut und ungeachtet der leisen Stimme, die es besser weiß, hoffen wir immer noch, eines Tages so viel Zeit zur Verfügung zu haben, dass wir unseren ausgeleerten Bienenstock wieder auffüllen können.“

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