Mensch aus Glas oder Wie Informationen zum Kapital der Zukunft werden

9 03 2010

Vor ein paar Tagen habe ich das Buch „Auf der Suche nach Hitlers Sohn“ des belgischen Journalisten Jean-Paul Mulders gelesen. Es geht darin um seine (nicht immer ganz legale) Jagd nach DNA-Proben von entfernten Verwandten, um eine These, die Historiker (auch ernstzunehmende) seit den 70er Jahren beschäftigt, zu überprüfen. Der Franzose Jean-Marie Loret behauptete, ein leiblicher Sohn des Nazidiktators zu sein. Sein Mutter hatte ihm dies auf dem Sterbebett gebeichtet. Mulders, der die in den USA lebenden Großneffen Adolf Hitlers ausfindig gemacht hat, so schreibt er in seinem Buch, hatte dazu einen Daten-Service genutzt, der gegen Bezahlung (fast) jede Information auftreibt. In diesem Falle waren dies geänderter Nachname und Wohnort der Hitler-Verwandten. Solche Dienste haben zum Teil auch Zugriff auf das Strafregister und weitere ähnlich heikle Datenquellen. Zugriffe dieser Art sind erwartungsgemäß illegal. Trotzdem wird damit Geld gemacht – und dies ist erst der Anfang. In der Studie „Risiken von IKT-Implantaten“ (Kurztitel) von Sascha Theißen heißt es dazu: „Die Daten, die Identitätsdiebe verwenden, stammen aus den verschiedensten Quellen; im Fall von Seisint […] beispielsweise aus gehackten elektronischen Datenbanken, aus welchen während 59 unerlaubten Zugriffen die personenbezogenen Daten einschließlich Vermerken über Verhaftungen, Strafregister, Grundbuchauszüge, Fotos, Heirats- und Scheidungsvermerke sowie Jagd- und Fischereierlaubnisse von insgesamt 310.000 US-Bürgern entwendet wurden.“ (S. 142) Eigenmächtig Daten und Datenspuren im Netz zu hinterlassen ist eine Sache, aber wie steht es mit den Informationen über uns, über die wir keine Kontrolle haben? Existiert Privates überhaupt nicht mehr? Besteht der legale Datenschutz der Zukunft vielleicht nur mehr darin, bestimmen zu können, wer worauf Zugriff hat und nicht mehr?

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3 responses

10 03 2010
Selma

klingt für mich nach der alten ausrede „der zweck heiligt die mittel“. da hat schon erich kästner eine passende antwort gefunden: „fest steht trotz schrecken und schreck – die mittel entheiligen den zweck“.
aber ich hör es schon tönen: „wer nichts zu verbergen hat, dem kann es doch auch egal sein, ob jeder in seine daten einsicht haben kann.“ wer sich ablehnend gegenüber der völligen transparenz äußert, gerät leicht in den verdacht, irgendwie dreck am stecken zu haben. in einem ganz anderen zusammenhang hatten wir hier grade gestern erst eine diskussion über die generation „durchsichtig“. es ging um diesen 27-jährigen schiedsrichter, der nun seinen älteren kollegen wegen sexueller belästigung anklagt. dem ist es offensichtlich nicht zu blöd, öffentlich intime details auszuplaudern. zugleich stellt sich mehr und mehr heraus, dass von sexueller belästigung in diesem fall eher nicht gesprochen werden kann, da es sich offenbar um eine beziehung handelt, die in brüche gegangen ist. ist der junge mann teil einer generation, die das bedürfnis hat, ihre schmutzwäsche in der öffentlichkeit zu waschen und gar nicht merkt, dass daran etwas problematisch sein könnte? seine karriere als schiedsrichter ist jetzt jedenfalls massiv gefährdet. seltsam, dass er darüber nicht vorher nachgedacht hat.
aber angesichts gewisser facebook-einträge und -fotos gerade junger leute wundert es mich nicht. wenn es möglich ist, dass JEDER lesen kann, dass pippi langstrumpf (um jetzt irgendeinen namen zu nennen) als ihre hobbys party, chillen und saufen angibt, wenn die profilfotos fröhlich entblätterte nymphen zeigen und die statusmeldungen für alle 400 freunde des betreffenden sichtbar irgendwelche lehrer schmähen, dann frage ich mich schon, warum mit der transparenz so sorglos umgegangen wird. und ich muss an dieser stelle ganz ehrlich zugeben: als ich via facebook mitgekriegt habe, wie mich ein ehemaliger schüler öffentlich geschmäht hat, war ich alles andere als amused. der betreffende wird sich denken: mir doch egal, ich sehe die **** eh nie wieder. abwarten. jedenfalls ist er in meinem ansehen in den keller gerasselt (während ich vorher eher neutral wohlwollend zu der betreffenden person stand). irrelevant? wir sind soziale wesen. unser sorgloser umgang mit beleidigungen, schmähungen, rufzerstörungen trägt nicht dazu bei, dass sich unser zusammenleben erleichtert. ist es uns wirklich wichtiger, jederzeit dampf ablassen zu können, als mit unseren mitmenschen in frieden zu leben? ach ja, freie meinungsäußerung. die geht uns ja über alles.
so, jetzt hab ich gefühlte zwanzig mal thema gewechselt und sowieso schon thema verfehlt. so passiert das eben bei einem stream of consciousness. fünf, setzen.

10 03 2010
retrakon

Stream of consciousness! Zehn. Stehen bleiben.

10 03 2010
wiesion

Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk an und schwieg. »Da stehen sie«, sprach er zu seinem Herzen, »da lachen sie: sie verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund für diese Ohren. Muß man ihnen erst die Ohren zerschlagen, daß sie lernen, mit den Augen hören? Muß man rasseln gleich Pauken und Bußpredigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden? Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz macht? Bildung nennen sie’s, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten. Drum hören sie ungern von sich das Wort ›Verachtung‹. So will ich denn zu ihrem Stolze reden. So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist der letzte Mensch.«

Und also sprach Zarathustra zum Volke: Es ist an der Zeit, daß der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, daß der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze. Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können. Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren! Ich sage euch: man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch. Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann. Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.

»Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?« – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. »Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme. Krankwerden und Mißtrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert! Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, daß die Unterhaltung nicht angreife. Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich. Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus. »Ehemals war alle Welt irre« – sagen die Feinsten und blinzeln. Man ist klug und weiß alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen. Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.

»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln. – Und hier endete die erste Rede Zarathustras, welche man auch »die Vorrede« heißt: denn an dieser stelle unterbrach ihn das Geschrei und die Lust der Menge. »Gib uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra«, – so riefen sie – »mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den Übermenschen!« Und alles Volk jubelte und schnalzte mit der Zunge. Zarathustra aber wurde traurig und sagte zu seinem Herzen: »Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht der Mund für diese Ohren. Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf Bäche und Bäume: nun rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten. Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber sie meinen, ich sei kalt und ein Spötter in furchtbaren Späßen. Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen sie mich noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.«

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