Wie wird sich Helene Hegemann dieses Mal aus der Plagiatsaffäre ziehen?

11 02 2010

Dass die 17-jährige Autorin Helene Hegemann Teile ihres Romans „Axolotl Roadkill“ aus Blogeinträgen abgeschrieben hat („Strobo“ von Airen), wurde vor ein paar Tagen bekannt. Nun gibt es weitere Plagiatsvorwürfe. Der Berliner Filmstudent Benjamin Teske wirft Hegemann vor, für ihre Kurzgeschichte „Die Spiegelung meines Gesichts in der Erschaffung der Welt“ Teile seines Films „Try A Little Tenderness“ geklaut zu haben. Der zweite Teil der Hegemann-Story sei eine vollständige Kopie des Teske-Films, sowohl einzelne Sätze, als auch die Formulierungen und der Ablauf der Handlung wurden unerlaubt übernommen. Für den Film sei eigens eine Produktionsfirma gegründet worden, die Hauptrollen in diesem nicht-kommerziellen Film haben Cosma Shiva Hagen und Adolfo Assor übernommen. Der Film sei eine Adaption der Kurzgeschichte „Un peu de tendresse“ des französischen Autors Martin Page, der sein Einverständnis zur Verfilmung gegeben habe und auf jedem Plakat genannt wird. Auf WELT Online ist dazu zu lesen: „Obwohl kaum jemand lacht, ist hier einiges nicht ganz frei von Ironie. Zum Beispiel auch der Umstand, dass ausgerechnet das Internet, das die Grenzen der schreibenden Subjekte verwischt, jetzt so maliziös zum Aufdecken von Plagiaten genutzt wird.

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9 responses

11 02 2010
walteranamur

Nun, vielleicht entwickelt sich ja eine neue literarische Gattung: İnternet-Patchwork-Romane..
Früher hat man so genannte Flickenteppiche gemacht, nun eben „IPR“. Neue Preistraegerkategorie für die kommende Buchmesse?

11 02 2010
retrakon

Wer weiß? Aber mit der Kreativität ist es wie mit der Freiheit. Sie hört dort auf, wo ich dem anderen zu nahe auf den Pelz rücke.

11 02 2010
retrakon

Die erste Rezension, die auf Amazon.de zum Buch „Axolotl Roadkill“ auftaucht ist die folgende des Users „David“:
„die industrie und ihre vasallen (sorry, meinte natürlich: die freie unabhängige presse) basteln sich ihren nächsten hype zusammen — und dann das… fantastisch!!
wen interessiert es noch, ob der inhalt „echt“, „authentisch“ oder nur schlecht abgeschrieben ist, wenn die platzierung in der bestsellerliste stimmt und auch das hörbuch auslieferfertig produziert ist??
das kennt man ja auch aus dem literaturbetrieb: dass die verlage immer auf der suche nach jungen, unverbrauchten autoren sind oder deren lektoren die einsendungen von teenagern lesen und auf veröffentlichungschancen prüfen… dass die teenies dann gleich eigene genres erfinden und sooo starke bücher schreiben, dass die presse sich da einig und begeistert drauf stürzt…
um einem der vorredner recht zu geben: dieses buch… dieser text… diese sammlung (dieses gestümper möchte ich nicht schreiben, denn damit würde man den wahren autoren unrecht tun), dieser industrie-gag ist es nicht wert, auch nur in irgendeiner weise weiter besprochen zu werden…
wer einem allerdings wirklich leid tun muss, sind die ehrlichen, die guten, die freien, die unentdeckten, die ungehypten autoren, die sich über jahre für die szene die finger wundschreiben und mit intelligenten texten bei den verlagen scheitern, weil sie eben aus dem nichts kommen und nicht die prominenten fürsprecher mit den dementsprechenden verbindungen zum verlag haben.“

11 02 2010
Selma

Ich habe gelesen, sie habe den inkriminierten Text dem Filmemacher widmen wollen, aber die abdruckende Literaturzeitschrift habe es nicht so ernst genommen. Wird es dadurch besser?

11 02 2010
Fellmonster

Nein es wird dadurch nicht besser. Sie hätte ja im Buch selbst eine kleine Widmung auf eine der ersten Seiten schreiben können.
Wow, bin ich heute angefressen 😀

11 02 2010
Fellmonster

Ich kann mich zwar nur bedingt als „Autorin“ bezeichnen, aber ich tu es jetzt einfach trotzdem.
Da versucht man, annähernd kreativ zu sein und etwas zu schreiben, was es in der Form zumindest nicht schon tausendmal gegeben hat (totale Innovation ist in der Literatur, wie auch in der Musik und bildenden Kunst, von mir aus gesehen immer noch möglich, aber momentan schwer zu erreichen). Man fühlt sich sogar schon ein bisschen schuldig, wenn man merkt, dass ein Satz, den man auf dem Manuskript stehen hat, stilistisch einem anderen ähnelt, den jemand anderes geschrieben hat.
Und wenn dann SO JEMAND kommt und einfach so ziemlich alles aus einem Blog und aus einem Kurzfilm kopiert und erst, NACHDEM man sie erwischt, auch noch dreist behauptet, dass dies der „Atmosphäre“ des Romans dienen soll, der in einer Zeit entstanden ist, „wo sowieso alles nur noch mit Copy & Paste gemacht wird“, dann rege sogar ich mich darüber auf. Das ist einfach nur noch peinlich. Und wie der Rezensent auf Amazon schon geschrieben hat: So jemand wird gehypt, aber andere, ernstzunehmende Autoren und Autorinnen schaffen es nicht, mit ihren eigenen Geschichten, Essays usw. aus den Untiefen der literarischen Versenkung hervorzukommen.
Tut mir leid, ich bin ja, nicht nur was Literatur betrifft, eigentlich relativ tolerant. Aber bei solchen Aktionen hört die Toleranz auf.

11 02 2010
Selma

Hm. Hm. Ich frag mich. Am Ende ist es nur der blanke Neid. Hat sie abgeschrieben? Aber ja. Für den Preis der Leipziger Buchmesse wird sie DENNOCH vorgeschlagen. Hier geht es doch längst nicht mehr um das Werk. Das Werk ist völlig egal. Es geht um sie als Figur (gar nicht um sie, wie sie „echt“ ist). Und sie als Figur scheint das zu sein, was sich momentan am besten verkauft. Werk? Meine Güte. Austauschbar.
Ich glaube, zumindest in meinem Fall ist es ein guter Teil Neid, der mich sauer macht. Wie’s aussieht, können manche gar nicht „blöd genug“ tun, um es sich zu vermiesen… Beneidenswert.

11 02 2010
wiesion

persönlich habe ich das buch nicht gelesen (da ich generell auf hypes nicht nur verzichte sondern sie ziemlich stark meide) und kenne auch nicht den umfang der c&p stellen… aber die darstellung hier finde ich schon ein wenig „neutraler“ wenn man das so sagen kann: http://fm4.orf.at/stories/1638726/

und wie verhält es sich dann damit?

„Tradition heißt nicht, Asche zu bewachen, sondern die Glut anzufachen“
Benjamin Franklin

„Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren der Flamme.“
Jean Jaurès

„Tradition heißt: Das Feuer hüten und nicht die Asche aufbewahren.“
Johannes XXIII

„Tradition ist Weiterreichen der Glut, nicht der kalten Asche.“
Ricarda Huch

„Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“
Gustav Mahler

der nachweislich „originalste“ autor dieser aussage hiess aber thomas morus und seine version war:
„Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“

also, nichts neues im westen?

11 02 2010
chSchlesinger

Roald Dahl hatte die Vision eines automatischen Grammatisators. Ein Programm, das aus wenigen Vorgaben einen Roman produziert. „Jugendlich, rotzig, drogensüchtig“, schon fließen Sätze über den Monitor, hunderte, tausende.
Gespeist wird der Grammatisator mit allem, was jemals auf dem Buchmarkt erschienen ist. Ein Königreich geistigen Eigentums, aus welchem der Grammatisator Millionen Phrasen extrahiert. Lückentexte, die sich beliebig füllen lassen. Wobei der Grammatisator erkennt, dass ein wichsender Jesus Christus wenig Sinn ergibt, mag er im Feuilleton auch für Begeisterung sorgen.
Helene Hegemann erscheint mir als fleischlicher Grammatisator, der jeden Tag mit Textmarkern melancholisch expressionistische Kunstwerke ausmalt. Noch zehn Jahre Realitätsflucht in ausgeprägte Lesesucht, und Helene Hegemann wird tausend Seiten „Axolotl Roadkill“ montieren können, hundert Seiten Danksagung inklusive.

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