Retrakon On Tour #1

6 02 2010

Ein erklärungsbedürftiger Titel. Unter dieser Kategorie wird es in Zukunft Gedankensplitter geben, die sich aus interessanten Diskussionen im Zug ergeben. Im heutigen, ersten Fall war mein Gesprächspartner ein Retrakon-Leser und Kommentator und es ging, als ließe es sich nicht vermeiden, um China und die chinesische Gesellschaft. Dabei erinnerte ich mich an eine Reportage vor einigen Monaten, die einen bleibenden, leider aber negativen Nachgeschmack hinterlassen hat. Das Problem ist im Grunde genommen allgemein bekannt – und doch denkt kaum jemand ernsthaft an die gravierenden Folgen für die Zukunft. Durch Chinas seit 1979 verfolgte Ein-Kind-Politik und der Tatsache, dass viele Eltern ihr Ungeborenes abtreiben lassen, sollte es ein Mädchen sein, ergibt sich ein immer größer werdendes Ungleichgewicht der Geschlechter – bei einem Staat mit 1,33 Milliarden Einwohnern keine Kleinigkeit. Natürlich ist es offiziell verboten, Mädchen abtreiben zu lassen, weil sie Mädchen sind. Ein Jungenüberschuss von 20% spricht allerdings eine andere Sprache. In Zukunft werden viele Männer keine Frau finden, ganz einfach, weil es nicht genügend viele gibt. Dieses menschliche Grundbedürfnis nach Partnerschaft und (mehr oder weniger) exklusiver Zweisamkeit wurde und wird aus politischen und wirtschaftlichen Gründen missachtet.

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One response

6 02 2010
Selma

Hmmmm, ich werde wohl wieder mal mit dem Zug fahren müssen (komisch, dass diese Kategorie aufgemacht wird, sobald gewisse Supplentinnen nicht mehr unterwegs sind ;-))
Ja, der Männerüberschuss. Man könnte jetzt wohl allerlei zynische Überlegungen über künftige Schwulenparadiese anstellen oder darüber, dass damit das Fernziel, nämlich ein gedrosseltes Bevölkerungswachstum, erreicht sein dürfte. Was ich mich eher frage: Wird in dieser Zukunft eine Frau in China wertvoller sein als heute? Wird man in ihr eine potentielle Partnerin und Mutter sehen, der man mit Respekt entgegentreten muss, damit man sie ja nicht vergrault? Oder werden die Chinesinnen der Zukunft zum Goldpreis verhökert, weil sie jetzt ja so rar sind? Oder (und das ist vielleicht jetzt doch wieder zynisch): Woher wird man die Frauen „ankaufen“? Man braucht ja nicht weit zu schauen, um festzustellen, dass Menschenhandel, auch „Brauthandel“, durchaus ein aktuelles Thema ist. Die Zeiten für Frauen in Fernost werden nicht leichter werden, soviel steht fest. Und eine letzte Frage: Wird die übernächste Generation von Chinesen über die Geburt eines Mädchens anders denken?

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