Der hässliche Schein

22 01 2010

Wer sieht nicht oft am rechten Rand (nein, nicht politisch) des Bildschirms Werbeanzeigen von Partnerschafts- und Flirtbörsen im Internet? „Du wohnst in Bozen? Ich will dich.“ O.K., ich wohne nicht in Bozen, aber die Seite hat die IP-Adresse recht gut interpretiert und kann einen potentiellen Kunden persönlicher ansprechen. Die abgebildeten Personen sind meist recht attraktiv oder wieder auch so billig, dass die Frage naheliegt, wieso solche Menschen niemanden im Leben 1.0 finden und diesen Weg beschreiten müssen. In der gestrigen Ausgabe von ZDF-Reporter wurde berichtet, dass hinter Annoncen dieser Art keine wirklich interessierten Menschen stecken, sondern Angestellte bzw. freiberuflich Bezahlte der entsprechenden Internetfirma. 7 Cent pro SMS oder Mail bekommt die So-Tun-Als-Ob-Person. Nutzt ein tatsächlich interessierter Internetnutzer diesen Dienst, bezahlt er 1,99 Euro. Hätte man sich auch denken können, werden jetzt viele sagen, wieso weiß der das nicht? Ich habe es immerhin stark angenommen. Die digitalen Welten sind für mich oft nicht viel mehr als Schein. Und oft genug auch hässlicher Schein. Allgemein bekannt dürften die dubiosen Geschäftspraktiken jedoch nicht sein – oder die Einsamkeit mancher ist so schlimm, dass man alles in Kauf nimmt -, denn zur Zeit läuft ein Prozess gegen mehrere Beteiligte, die es geschafft haben, mit gefakten Online-Inseraten innerhalb kürzester Zeit 46 Millionen Euro zu verdienen. Das sind hässlich viele Scheine.

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