Werden Bilder überschätzt?

20 12 2009

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hat sich bis 2007 erfolgreich geweigert, Bilder auf der Titelseite abzudrucken. Seither gibt es jeweils ein Bild, immer oben in der Mitte, immer gleich groß. Dass ein Bild mehr von sich geben muss als tausend Worte, liegt nicht in der Absicht der FAZ-Redaktion. Auch dass das abgedruckte Foto aktuell sein oder sich auf ein Ereignis des Vortages beziehen muss, wird gerne ganz bewusst umgangen. Vor ein paar Tagen habe ich in der SZ einen Artikel gelesen, in dem das allgegenwärtige PowerPoint kritisiert wird, weil es den Nutzer zwingt, aus jedem mehr oder weniger komplizierten Sachverhalt einen „Brühwürfel des Denkens“ zu schaffen. Auch hier wird die unbedingte Macht des Bildes geleugnet. Ist es nicht die größte Ketzerei unserer Zeit, zu behaupten, dass Texte viel besser sind als Bilder?

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3 responses

20 12 2009
Selma

Zwei Möglichkeiten: Ich schreibe hier einen ellenlangen Kommentar. Oder: Ich poste ein Bild mit einer zur Faust geballten Hand, die den Mittelfinger zeigt. Was zieht mehr? Bilder werden nicht überschätzt, wenn es um ihre Anziehungskraft geht. Aber ihre Präzision lässt zu wünschen übrig. Oft aber liegt genau das im Sinne des Bilder-Generierers (anders kann ich das jetzt nicht nennen, „echte Fotos“ gibt es ja so gut wie nicht mehr). Aber egal, ob Text oder Bild: Beides muss man erst mal „lesen“ können. Buchstaben zu Wörtern kombinieren reicht nicht. Einfach nur hinschauen auch nicht. Ein anderer Aspekt: Es gibt Zeitungsleser. Schlagzeilenleser. Bildanschauer. Erstere lesen alles. Zweitere nur die Titel. Letztere lesen nix, sondern spielen nur „Bilderbuch“. Das sind dann genau die, die z.B. auf mich zukommen, mir die Hand drücken und sagen: „Und übrigens, Gratulation.“ Wenn ich dann völlig perplex dreinschaue und frage, wofür sie mir gratulieren, dann wissen sie es selbst nicht. Was sie meinen ist: „Gratulation für dein Bild in der Zeitung.“ Wenn eine Zeitung auf Bilder verzichten würde, fiele der ganze „Leser“-Anteil der Bilderanschauer weg. Wer kann sich das noch leisten?
Und, um deine indirekte Frage zu beantworten: Ist der Text wichtiger als das Bild? Na klar. Aber, Hand aufs Herz: Wen interessiert’s schon wirklich? Und mit „’s“ meine ich: das alles. Letztes Beispiel: Politiker redet im Fernsehen. Kommentar des kundigen Zuschauers: „So eine hässliche Krawatte.“

21 12 2009
retrakon

Na ja, ich werde dir nicht die geballte Faust zeigen, wenn wir uns morgen sehen. 😉 Das Beispiel ist natürlich gut, entkräftet aber nicht ganz meinen Gedankengang. Ich behaupte ja nicht, dass jeder Text über jedem Bild steht. Ich glaube nur, dass Wert und Aussagekraft von Bildern vollkommen überschätzt werden. (Die Wirkung ist natürlich ein vollkommen andere Sache.) Und damit meine ich nicht einmal manipulierte Bilder. Im Artikel „Brühwürfel des Denkens“ heißt es, dass weltberühmte Visualisierungen wie die Baumstrukturen der Linguistik oder die Dreiecke der Kommunikationstheorien im Grunde genommen gar nichts erklären. Das sieht man vor allem daran, wie aussagekräftig sie sind, wenn man jeglichen Begleittext weglässt. Zu deiner eingangs gestellten Frage („Was zieht mehr?“): Ein ellenlanger Kommentar zieht vielleicht nicht sofort an, lässt mich aber sicherlich länger, intensiver und produktiver nachdenken als dein Mittelfinger. Und zur letzten Frage (Wen interessiert’s schon wirklich?): Ich gebe eben die Hoffnung nicht auf, dass ein paar Menschen doch hinter die Krawatte, die ich nicht trage, schauen.

21 12 2009
wiesion

naja die grösste ketzerei unserer zeit wirds wohl hoffentlich nicht sein, aber lassen wirs eine „berechtigte häresie“ sein 😉 und persönlich glaube ich nicht, dass bilder mehr als tausend worte sagen: sie sagen im endeffekt gar nichts, sie erklären keine zustände und dessen ursachen, allerdings beeinträchtigen sie tausend mal mehr als worte, da zumeist die wirkung in den mittelpunkt gebracht wird und den betrachter indirekt auffordert, das bild durch seine emotionen zu interpretieren; somit kann nur das unmittelbare und scheinbare als real empfunden werden.

unser guter freund hätte wohl die aussage „ein bild sagt mehr als tausend worte“ als begriffs-krüppelei bezeichnet. „ein bild manipuliert mehr als tausend worte“ wäre wohl die folgerichtige aussage.

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