Schöne (?) neue (!) Welt (?!)

11 12 2009

Forschern der New York University um Elizabeth Phelps ist es erstmals gelungen, negative Erinnerungen zu löschen, ohne dabei Medikamente einzusetzen. Das menschliche Gedächtnis ist nicht, wie bisher angenommen, ein starrer, unveränderlicher Speicher. Erinnerungen werden regelmäßig reaktiviert und auf ihre aktuelle Relevanz hin überprüft, bevor sie erneut gefestigt werden. Während dieser Rekonsolidierungsphase lassen sich Gedächtnisinhalte verändern, und eben auch löschen.

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5 responses

11 12 2009
Selma

Hmmmm, so wie ich das lese, ist das gar nichts so Spektakuläres. Aufgefallen ist mir einerseits, dass im Artikel eine „Computersprache“ verwendet wird („überschreiben“, „Update“, „neu speichern“). Das ist schon mal gefährlich. Hier wird eine Analogie geschaffen, die zwar beliebt und verführerisch, deswegen aber nicht weniger falsch ist. Zweitens: Der Schritt vom Quadrat mit dem kleinen Elektroschock hin zum wirklich großen und existenziellen Trauma dürfte wohl ein größerer sein. Ich zweifle, ob man diese Art von „Überschreibung“ überhaupt „in Wirklichkeit“ anwenden kann. Wie will man denn z.B. die schreckliche Erinnerung an eine Vergewaltigung oder einen katastrophalen Unfall „überschreiben“? Mit einem Bild des Vergewaltigers beim Blumenpflücken? Oder mit einem Bild des stehenden Autos? Ich fürchte, da haben die Forscher wieder mal ein bissl verfrüht „Heureka“ gerufen (klar, müssen sie, um zu zeigen, dass sich die Ausgaben lohnen). Meine Begeisterung jedenfalls hält sich in Grenzen.

11 12 2009
Wieser

Das Ganze klingt ziemlich abartig. Ich denke, dass gerade Erinnerungen uns zu denen machen, die wir sind. Besonders schlechte Erfahrungen sind prägend, sie wirken sich oft ein gnazes Leben auf eine Person aus. Dazu ein Gedankenexperiment: Am meisten lernt der Mensch wenn er Fehler begeht, was wäre also wenn ein solcher mit gelöschten Erinnerungen vor einer Entscheidung steht, die er schon einmal gefällt hat, sich aber im Nachhinein als falsch erwießen hat? Er könnte nicht auf seine Erinnerung zurückgreifen und würde den selben Fehler noch einmal machen. Aber kein Problem, er lässt sich auch diese Erinnerung wieder löschen und bleibt sozusagen auf ewig dumm und macht immer wieder die gleichen Fehler. Was wird hier angestrebt? Die perfekte Idee des Menschen von Platon? Perfekt in diesem Sinne, dass sich der besagte Mensch nicht erinnern kann, jemals etwas falsch gemacht zu haben. Wir hätten dann noch immer eine Welt voller Fehler, nur könnte sich niemand daran erinnern, was nicht automatisch heißt dass sie nicht gemacht wurden. Natürlich könnte diese Methode auch angewandt werden, um schreckliche Erinnerungen wie Vergewaltigungen und Kindheitstraumen zu vergessen, aber wie würden diese ersetzt werden?

11 12 2009
wiesion

ich glaube, auch in dieser wissenschaft verhält sich es wie in der mathematik… es sind blosse annäherungsversuche an das „wesen der dinge“, im endeffekt nur die spiegelung unserer selbst- und menschenkenntnis. und da mathematik nun mal die „einfachste“ konvention ist die sich der mensch selbst gegeben hat, ist es auch weiterhin einfach alles anhand von mathematischen operationen zu erklären. der computer entstand aus dieser konvention heraus, aber das gehirn und den menschen über diese zu definieren ist schlichtweg ein armutszeugnis gewisser wissenschaften.

11 12 2009
retrakon

Zu den Computer-Analogien: Der tschechisch-brasilianische Philosoph Vilém Flusser hat die These vertreten, dass durch den Computer die lineare, oder wie er sie nennt alphanumerische Schrift hinfällig wird. Losgekoppelt vom Alphabet erwartet er sich eine neue, bildhafte und assoziativ gesprochene Sprache. Wahrscheinlich ist es mittlerweile schon so, dass die Welt der Computer auf die nicht-technische, „natürliche“ Welt zurückstrahlt und dieser bestimmte Muster überstülpt. Ich erinnere mich an eine Studienkollegin, die einen Fehler gemacht hat, und instinktiv gedacht hat „Rückgängig“ …

14 12 2009
wiesion

wenn man in der computerbranche tätig ist, kann das leicht passieren. ich weiss noch vor einiger zeit, als ich viel überstunden machen musste um ein grösseres projekt fertigzustellen, hatte ich plötzlich das gefühl, ich könnte mit dem mauszeiger aus dem monitor rausfahren und den bass-regler an den lautsprechern betätigen… auch die träume wurden immer absurder und teilweise belastend.

solange ich aber die normalen arbeitszeiten einhalte, passieren solche sachen nicht und ich hüte mich seit eh und je, parallelen vom computer auf die umgebung zu ziehen – das wäre grundfalsch. imo ist jegliche art von logik keine absolute wahrheit sondern nur ein annäherungsversuch an selbige.

ich bin mir auch nicht sicher, ob diese neue sprache, wie sie sich dieser philosoph erwartet, nicht eine verarmung des sich-mitteilens bedeuten wird. bis heute ist sich ein grosser teil der menschen nicht bewusst, dass sprache lediglich ein hilfsmittel sein sollte, mit der man versucht seine nervenreize und gedanken auszudrücken. umso einfacher und mehr auf konventionen beruhend diese sprache ist – bzw. sich dahingehend entwickelt -, desto weiter wird sie sich vom subjektiven entfernen und schlussendlich die illusion der objektivität und der „richtigen“ welt wiedergeben.

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