Gibt es ein Toleranz-Gen?

1 12 2009

Der gestrige Beitrag zum Minarettverbot und die Reaktionen darauf haben in mir einige Fragen aufkeimen lassen. Wenn man mit Menschen über das Abstimmungsergebnis der Schweizer diskutiert, merkt man sehr schnell, dass es für nach außen gleich scheinende Urteile ganz unterschiedliche Gründe gibt. Jemand könnte über das Minarettverbot erfreut sein, aber nicht, weil er etwas gegen den Islam hat, sondern weil diese Person allgemein jede Einschränkung religiöser Aktivität gutheißt; man könnte aber auch positiv zum Verbot stehen, weil der Islam nun einmal gegenüber dem Christentum die „schlechtere“ Religion ist usw. Wir sehen, verschiedene, im Grunde genommen unvereinbare Hintergründe. Bei allen Diskussionen wird irgendwann der Begriff „Toleranz“ fallen. Das bringt mich zu meiner Frage: Ist Toleranz evolutionstechnisch gesehen ein Vorteil oder Nachteil? Oder ist es sinnlos, von Toleranz in der Natur zu sprechen? Sehr oft werden menschliche Eigenheiten und Eigenschaften mit evolutionären Prozessen erklärt. Zum Beispiel: Dicke Menschen hatten früher den Vorteil, Hungerszeiten zu überleben; die Tatsache, dass die meisten Menschen nicht lange Zeit vorausblicken stammt noch aus der Zeit unserer Urahnen, bei denen es unerheblich war, was in zehn Jahren sein wird, sie mussten den nächsten Tag, die nächste Woche überleben usw. Wie ist das aber mit der Toleranz? Sind bestimmte Bereiche im Gehirn dafür verantwortlich, mehr oder weniger dafür empfänglich zu sein? Gibt es ein Gen XYZ, das die Toleranzgrenzen des Menschen determiniert?

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3 responses

1 12 2009
wiesion

was passiert aber, wenn einer das „toleranz-gen“, oder bessergesagt den zweifel und das misstrauen, in sich trägt, sich aber von vielen menschen umringt sieht, denen dieses „gen“ fehlt und diese von ihren idealen anscheinend bis zum ende überzeugt sind und er selber permanent bekehrungsversuchen ausgesetzt ist? sollte man sich dann nicht mit heftigen trotz-reaktionen gegen diese wehren; diese zum widerspruch leiten, den irrtum aufzeigen?

nur sollte man dann auch bereit sein, dies in bezug auf seine eigenen ideale in kauf nehmen zu können und diese zumindest in einer diskussion verteidigen können – eine meinung wird schlussendlich durch ihre vertretung bewertet und nicht durch deren inhalt.

„toleranz ist ein beweis des misstrauens gegen ein eigenes ideal“ – nietzsche

1 12 2009
Selma

Ich glaube nicht, dass es ein Toleranz-Gen gibt. Dann hätten die Intoleranten eine wunderbare Ausrede: mir fehlt da was. Oder: Du hast doch das Gen, also darfst du gegen XY nicht intolerant sein. Nein, nein. Ich frage mich vielmehr oft etwas anderes: Ist Toleranz vielleicht einfach nur ein anderes Wort für „Gleichgültigkeit“? Es ist ja so leicht, Vegetariern gegenüber tolerant zu sein, wenn sie einem egal sind. Es ist ja so schwer, Rauchern gegenüber tolerant zu sein, wenn sie einen vollqualmen und man sich hypochondrisch einbildet, man spürt schon den Lungenkrebs wachsen. Aber _echte_ Toleranz? Das hat auch etwas mit „Ertragen-Können“ zu tun. Was können/wollen wir denn schon wirklich ertragen? So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Ich halte also Toleranz an sich für ein Phantom. Letztendlich finden wir uns mit den Dingen ab, die „irgendwie“ noch in unser Weltbild passen. Und dann wäre es eben angesagt, dass dieses Weltbild ein möglichst offenes ist. Dann kann man leichter „tolerant“ sein. Und weil du gefragt hast, ob Toleranz evolutionstechnisch relevant sein könnte: Tolerant waren Menschen auch früher meist nur im Rahmen des „tut mir nicht weh“. Sobald eine andere Gruppe groß (oder: größer) wurde, gab es Zoff. Und dann wehe dem, der zu spät auf Intoleranz umgeschaltet hat. Der war dann plötzlich weg. Mein Lieblingsbeispiel: das Christentum. Vom Verfolgten zum Verfolger… Oder, um in unseren eigenen vier Wänden zu bleiben: die ach so unterdrückte deutschsprachige Minderheit im ach so tschetscheniengleich besetzten und gegeißelten Süd-Tirol, die ja ach so sensibel gegenüber Minderheitenfragen ist – ebendiese hat in den frühen 1970er Jahren doch tatsächlich versucht, ihre eigene Minderheit, nämlich die Ladiner, mit einer rein deutschen Pflichtschule zu beglücken und die Ladiner bei der Sprachgruppenzugehörigkeit zu den Deutschen zu zählen. Ach so.

3 12 2009
retrakon

Dass Toleranz im Alltag sehr oft mit Gleichgültigkeit zu tun, da stimme ich dir voll zu. Sehr gelungen die Beispiele Vegetarier/Raucher. Deine Einleitung hat allerdings einen Haken. Natürlich ist es nicht unbedingt wünschenswert, dass eine solche Charaktereigenschaft genetisch bedingt ist, das bedeutet aber noch nicht, dass es nicht doch so bestellt sein kann. Bei einem anderen deiner Lieblingsthemen, der Liebe, ist es doch genauso. Sehr viel wird ganz materialistisch ausgelöst, gesteuert und erhalten (oder auch nicht). Das ist auch nicht schön, für viele sogar ganz unromantisch, und trotzdem können wir diese Tatsache nicht ignorieren.

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