Die großen Fragen und das laute Schweigen dazu

19 11 2009

Der Grund für erneut retrakonlose Tage liegt glücklicherweise nicht in einem weiteren Zuschlagen aggressiver Viren, sondern an einer mehrtägigen Fortbildungsveranstaltung in Strobl am Wolfgangsee, die mich offline intensiver denken ließ als online. Ein zentrales Thema meiner Fortbildung war die Willensfreiheit des Menschen. Nun ja, wenn man Neurophysiologen, Neurobiologen und anderen Neuroirgendetwas Glauben schenken darf, dann sind wir nicht frei, sondern vollständig durch unsere Hirnprozesse determiniert. Gut, das war keine neue Erkenntnis, denn es gehört schon seit einigen Jahrzehnten zum guten wissenschaftlichen Ton, den Menschen zu einer Maschine zu erklären. Zugegeben, alle ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Experimente zu diesem Thema zeigen eindeutig, dass unser Gefühl, frei zu sein und frei entscheiden zu können, nichts anderes ist als eine Illusion. Es gibt nun mehrere Möglichkeiten, auf dieses Wissen zu reagieren: a) Man könnte es einfach ignorieren und weiter leben wie bisher, b) Man könnte die Experimente anzweifeln und versuchen, sie zu widerlegen, weil „nicht sein kann, was nicht sein darf“, c) Man könnte aus dem Wissen Konsequenzen ziehen und die Welt verändern. Wer sich für a) entscheidet, gehört vielleicht zur großen Mehrheit; dazu zählen auch jene, denen es vollkommen egal ist, wie die Antwort auf diese Frage lautet, weil sie nicht verstehen, dass an der Frage nach der Freiheit des Menschen so viel hängt. Typ b) gehört zu einem interessanten Menschenschlag. Benjamin Libet, der mit seinen berühmten Experimenten den „Wir sind Maschinen“-Wissenschaftlern Tür und Tor geöffnet hat, war mit seinen Einsichten selbst vollkommen unzufrieden und wollte die Ergebnisse seiner eigenen wissenschaftlichen Sensation nicht akzeptieren. Damit gehört er aber sicherlich zu einer Minderheit. Einige Philosophen fallen ebenfalls in diese Kategorie, denn sie wissen, was auf dem Spiel steht, wenn die Freiheit kippt. Nur, wie soll man gegen naturwissenschaftlich kaum anzweifelbare Ergebnisse von bewährten und oft wiederholten Experimenten ankämpfen? Vielleicht indem man das große Ganze betrachtet und Widersprüche sucht. Schließlich Möglichkeit c). Dazu gehören einige Koryphäen der Neurowissenschaften. Sie zeigen schlüssig unser Determiniertsein, aber wenn diese Erkenntnisse unumstößlich das letzte Wort wären, müsste sich eine Menge in unserer Gesellschaft ändern. Keine unangenehme, illegale, böse, falsche oder sonst tadelnswerte Handlung dürfte beanstandet werden, denn wenn der Mensch nicht frei in seinem Handeln ist, wie soll man ihm denn Vorwürfe machen. (Natürlich müsste man Triebtäter „wegsperren“, um die anderen zu schützen, aber eigentlich können sie ja nichts dafür.) Aus dem Status quo, d.h. aus der Tatsache, dass wir immer noch unter den selben Umständen leben, ziehe ich folgenden Schluss: Auch wenn alles darauf hindeutet, dass wir von unserem Gehirn gesteuert werden und ein freier Wille, ja sogar unser Ich reine Illusion sind, werden wir es nicht hinnehmen und alles daran setzen, den Menschen als Menschen zu retten. Und was ich in den vergangenen Tagen ebenfalls noch gelernt habe: Wenn es um die wirklich bedeutenden Fragen geht, dann haben auch hoch dekorierte Universitätsprofessoren keine Antworten und müssen zugeben „Das weiß ich nicht.“ Aber das sagen sie sehr laut.

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12 responses

19 11 2009
Selma

Sehr interessant. In den letzten Tagen hab auch ich wieder mal über das Gehirn nachgedacht (Zufälle gibt’s). Thema: Die Plastizität des Gehirns. Das ist ja nun auch nicht wirklich mehr neu, aber trotzdem muss man es sich immer wieder vor Augen halten: Unser Gehirn verändert sich ein Leben lang. Immer wieder hört man, die ersten drei Lebensjahre oder was auch immer seien die entscheidenden. Jein. Wichtig sind sie. Aber: Jedes Lebensjahr ist „entscheidend“ – es entscheidet, wohin sich das Gehirn weiterentwickelt. Nach einem Unfall oder im Laufe einer Krankheit kann das Gehirn angegriffen, gar beschädigt sein. Aber es kann lernen, sich wieder neu zu organisieren – es ist danach nicht mehr dasselbe wie vorher. Dasselbe gilt, wenn ich noch als erwachsener Mensch eine neue Sprache lerne, eine neue Fertigkeit oder sonst etwas Neues, an dem sich mein Gehirn „die Zähne ausbeißt“. Was das mit Freiheit zu tun hat? Viel. Unser Gehirn bestimmt unser Denken. ABER, und das ist das Sensationelle: Unser Denken kann auch unser Gehirn bestimmen! Wer sich jeden Tag intensiv „vorstellt“, er führe eine bestimmte Bewegung aus, „bringt“ seinem Gehirn bei, das entsprechende Hirnareal zu trainieren – rein durch Vorstellungskraft. Oder, wie ich es heute anderswo so schön gelesen habe: „Denken“ macht das Gehirn von allein. Nachdenken müssen wir schon selbst. Darin sehe ich unsere Freiheit.

20 11 2009
Carmen Stecher

Seeeehr interessantes Thema.
Erst letzte Woche kam auf Arte wieder einmal eine Dokumentation dazu – wie Schlaganfallpatienten durch gezieltes Training Gehirnareale wieder nutzen, die eigentlich „tot“ sind, wie Amputierte Phantomschmerzen überwinden etc.

Zwar nicht die erwähnte Sendung, aber auch sehr interessant zu dem Thema:
http://amaij.wordpress.com/2009/01/01/arte-doku-wahrheit-alles-luge-wie-das-gehirn-die-wirklichkeit-konstruiert/

Da ich ja gerade mein Biologiestudium begonnen habe, ist es besonders beeindruckend (oder schockierend?) zu sehen, wie viel sich von unserem Verhalten mittels der Biologie erklären lässt. Überhaupt ist es gerade bei den Biologen gang und gäbe geworden, immer weniger oft „Ich weiß es nicht“ zu sagen, die Grenze des Möglichen wird kontinuierlich nach hinten verschoben.
Zwar gibt es auch eine verpflichtende Bioethikvorlesung in der Studieneingangsphase, aber die ist geradezu lächerlich.

20 11 2009
wiesion

auch wenn ich langsam wie ein schallplattenspieler klingen mag, auf dem nietzsche in endlosschleife lauft… die wissenschaft kommt so langsam an den punkt an, den er bereits vor 150 jahren vertreten hat. er hat diese theorie beispielsweise recht oft an den prä-sokratischen griechen demonstriert, bei denen die phantasie den gleichen stellenwert hatte wie die realität, es die „eine und reale welt“ nicht gab, sondern immer nur die scheinbare (subjektive) welt. nach sokrates wurde den menschen die illusion der einzigen und realen welt aufgedrückt. ein glanzbeispiel der theorie nietzsche’s ist in „über wahrheit und lüge im aussermoralischen sinn“ niedergeschrieben:

«[…] Sie [die Menschen] sind tief eingetaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der Dinge herum und sieht „Formen“, ihre Empfindung führt nirgends in die Wahrheit, sondern begnügt sich Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen. Dazu lässt sich der Mensch Nachts, ein Leben hindurch, im Traume belügen, ohne dass sein moralisches Gefühl dies je zu verhindern suchte: während es Menschen geben soll, die durch starken Willen das Schnarchen beseitigt haben. Was weiss der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu percipiren? […]»

http://www.nietzschesource.org/texts/eKGWB/WL

20 11 2009
retrakon

Danke für den Linktipp. Werde hier die Videos gleich posten.

20 11 2009
retrakon

@Selma: Dein Schlussgedanke gefällt mir sehr: „’Denken‘ macht das Gehirn von allein. Nachdenken müssen wir schon selbst.“ Ich befürchte aber, dass es eher eine poetische (und eine philosophische) als eine wissenschaftliche Antwort ist. Denn worin sollte schon der Unterschied zwischen Denken und Nachdenken liegen? Neurophysiologisch? Aber als Kantianer gebe ich dir vollkommen recht.

20 11 2009
wiesion

diese gedankengänge sind so alt dass sie mittlerweile einen bart haben 😉 aber ich denke, dass die wahrheit irgendwo dazwischen liegt; dass wir alle so etwas wie einen „freien willen“ haben, der sich aber nur innerhalb im rahmen des charakters (welcher auch wiederum teils genetisch vererbt und teils durch familie, durch gesellschaft und umfeld mit der zeit geprägt wurde) frei bewegen kann, dies aber von vielen menschen als etwas vollkommen anderes, bzw. etwas „göttliches“ aufgefasst wird.

was aus diesem sog. „freien willen“ vielfach gemacht wird ist im prinzip wieder genau das gegenteil; zb. wird im christentum vermittelt, dass ich mich aktiv für mitleid entscheiden kann, mein „freier wille“ kann dies entscheiden… ist dies eine dogma-vergoldung oder eine wort-entartung?

nietzsche zb. hatte im selbstversuch belegen wollen – und dies ist ihm relativ gut gelungen – dass dieser sog. „freie wille“ oder auch unsere launen in erster linie von äusseren einflüssen abhängen: dem klima, der ernährung, der umgebung, der bewegung etc. und diese stimmung entscheidet über die weiteren entscheidungen des tages: will ich heute die welt hassen, lieben, verbessern, verschlechtern, gutheissen, verteufeln? – die welt als spiegel des geistes und dessen von aussen verursachten gefühlslagen.

«Das Verlangen nach “Freiheit des Willens,” in jenem metaphysischen Superlativ-Verstande, wie er leider noch immer in den Köpfen der Halb-Unterrichteten herrscht, das Verlangen, die ganze und letzte Verantwortlichkeit für seine Handlungen selbst zu tragen und Gott, Welt, Vorfahren, Zufall, Gesellschaft davon zu entlasten, ist nämlich nichts Geringeres, als eben jene causa sui zu sein und, mit einer mehr als Münchhausen’schen Verwegenheit, sich selbst aus dem Sumpf des Nichts an den Haaren in’s Dasein zu ziehn.»

20 11 2009
retrakon

Welche Gedankengänge haben einen Bart?

20 11 2009
wiesion

die des freien vs. unfreien willens… was teilweise das desinteresse der a) gruppe erklären könnte 😉

20 11 2009
Selma

Denken und nachdenken. Bin ja nicht berufen, hier zu definieren. Aber einen Gedanken (…) schon noch dazu: Menschen mit Gehirnen wie den unseren gibt es schon seit Jahrtausenden. Sie treiben ähnliche Dinge, denken ähnlich, fühlen ähnlich. Und sie sind kreativ! Nicht alle im gleichen Ausmaß, aber einige von ihnen besonders ausgeprägt. Und zwar sind sie kreativ über das Notwendige hinaus. Sie malen „plötzlich“ Bilder von sich und ihrer Welt. Hat ihr Gehirn sie dazu gezwungen? Sie machen Musik, immer komplexere, vielstimmigere, aufwändigere Musik. Und sie erzählen einander Geschichten. Sie erfinden den Ursprung der Welt. Sie erfinden aber noch viel mehr. Ziegelsteine. Schnürsenkel (inklusive Schnürtechnik!). Biskuitkuchen. Strickmuster. Computerspiele. MP3-Player. Homöopathie. Warum tut unser Gehirn so was Verrücktes? Es gibt sicher plausible Antworten, die erklären, dass auch das Schöpferische des Menschen nur einem neuronalen Feuern zu verdanken ist. Vielleicht sind Künstler, Erfinder, Denker ja wirklich nur besonders „kranke“ Menschen mit sehr labilen Gehirnen, wie manchmal suggeriert wird. Fest steht aber: Das Schöpferische entsteht nicht „aus sich selbst“, sondern nur im Zusammenspiel mit anderen, vielleicht auf Anregung anderer, vielleicht in der Beobachtung anderer oder im Wunsch, sich von anderen abzusetzen – also in Interaktion zwischen Innen – und Außenwelt. Und: Es entsteht als Gedankenspiel, als Vorstellung, wie man sein möchte, als „Was wäre, wenn“. Wenn wir nicht auf den Gedanken kommen, auf den Mond fliegen zu wollen, versuchen wir es nie. Deswegen stimmt für mich das Bild des Menschen, der in seinem Gehirn „gefangen“ ist und nur „einen Film sieht“, von dem man nicht weiß, „wer das Drehbuch schreibt“ einfach nicht. Natürlich sind wir „in unserem Gehirn gefangen“. Wir SIND unser Gehirn. Aber wir leben aus unserem Gehirn heraus und wir gestalten die Welt. Wir schreiben kräftig an unserem Lebensdrehbuch mit. Von unserem Gehirn diktiert? Vom Korrektiv der Sozietät beeinflusst? Hierzu mein Lieblingszitat aus „Hamlet“: My lord, we know what we are, but know not what we may be.

22 11 2009
retrakon

Wie immer wunderschön formuliert und ein Kommentar, den man einmal liest, weil man verstehen will, welche Gedanken darin ausgedrückt werden, und ein zweites Mal, weil die Wörter darin in besonderer Weise aneinandergereiht wurden. Und ein drittes Mal, weil man sich nochmals versichern möchte, dass man nicht durch die Form geblendet wird. Natürlich sind wir in gewisser Weise unser Gehirn, darum geht es weniger. Wie bewusst Motive sind, die uns dazu bringen, bestimmte Handlungen auszuführen, bestimmte Sätze zu schreiben, bestimmte Gedanken zu denken, ist m.E. die Hauptfrage. Ich habe mit Univ.-Prof. Günter Schulter darüber diskutiert und er meinte, wenn nicht das meiste automatisiert und automatisch ablaufen würde, dann kämen wir nirgends hin. Wenn wir jede einzelne Taste bewusst drücken würden, wenn wir jedes Wort, das aus unserem Mund kommt, durch einen bewussten Denkprozess in den Satz eingliedern müssten etc. Das stelle ich gar nicht in Abrede. Aber ich bin davon überzeugt, dass zum Beispiel deine Bücher nicht nur ein Produkt sind, die durch deine persönliche Geschichte und deine Hirnprozesse unbewusst determiniert sind. Sollte das tatsächlich sein, welchen realen Wert hätten sie denn noch? Dann müsste man sagen, gut, die Selma hat das Glück/Pech eines nicht vorhandenen Weltgeistes, der sie solche Texte verfassen lässt und dann auch noch behaupten kann, es sei nichts geschehen. 😉

23 11 2009
Selma

Siehste, genau das meine ich. Aber ich wusste ja, dass du das verstehen wirst… 😉

6 12 2009
Sandra Neumann

Interessanter Beitrag, jedoch habe ich mal eine Frage. Wie kann ich diesen Blog zu meinem Feed Reader hinzufügen? Ich finde das Icon nicht. Danke

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