Die verlorene Kindheit oder Die spinnen, die Briten

27 10 2009

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Das ist in Ordnung. Wer nichts leistet, gehört nicht dazu. Darüber kann und soll man diskutieren. Wenn ich aber lese, dass in Großbritannien bereits Siebenjährige ihre Karriere planen sollen, dann mutiere ich unfreiwillig zum Hippie. Und mit Hippies hatte ich nie etwas am Hut, noch wollte ich, dass es so war. Das ganze erinnert mich ein wenig an Neil Postmans 1987 erschienene Buch „Das Verschwinden der Kindheit“. Wenn Kinder nicht mehr Kinder sein dürfen, wenn sie den ganzen Druck, der auf Erwachsene lastet, schon im Grundschulalter spüren, dann läuft etwas falsch. Und vielleicht ist das auch ein Grund, wieso sich andererseits heute immer mehr Erwachsene weigern, erwachsen zu werden. Ein schönes Paradoxon. Dem britischen Bildungsminister Ed Balls sage ich nur eines: Che balle!

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5 responses

27 10 2009
Wieser

Che balle… sehr gut :D… Es ist schon wichtig, dass sich Kinder mit 7 Jahren statt zu spielen und einfach Kinder zu sein darauf konzentrieren, einmal Physiker, Chemiker, Handwerker oder was auch immer zu werden. Wichtig dabei ist, soviel Druck wie möglich auf sie auszuüben, damit sie schon früh draufkommen, dass das Leben hart ist und keine Zeit bleibt, um sich wie Kinder zu benehmen. Genug mit dem Sarkasmus, wie reagiert ein Kind wirklich auf solche Dinge? Ist es ihm egal oder erleidet es dadurch einen psychischen Schaden? Wenn man ein Kind nicht Kind sein lässt, welche sind die Folgen? Eine spätere Kompensierung oder eine Entwicklung von Komplexen wegen schwieriger bzw. gar keiner Kindheit? Schon heute können kaum Erwachsene dem Leistungsdruck standhalten und werden so wieder gerne zu Kindern, um das Ganze zu umgehen. Und dann sollte ein Kind damit fertig werden? Es ist wirklich nur noch eine fortschreitende Dekadenz in unserer Gesellschaft zu spüren, auf das soziale Wesen wird nur mehr kaum Acht gegeben. Was hält das kind vom Leben, wenn es merkt, dass es nur aus arbeit besteht und Spaß kein platz darin findet? Ganz abgesehen davon werden Kinder noch sehr jung an ihren Kompetenzen gemessen und so wird schon sehr früh ermittelt, welches kind sich zu was eignet. Pervers, meiner Meinung nach.

27 10 2009
Selma

Mit sieben schon zu wissen, was man beruflich aus sich will, halte ich für einen netten Witz. Wie viele Maturanten haben nach ihrem Abschluss noch immer nicht wirklich einen echten „Plan“? Muss man das ihnen vorwerfen? Dass sie sich in 19 langen Lebensjahren nicht überlegt haben, was „einmal“ aus ihnen werden soll? Es gibt nur wenige, die schon mit sechs Jahren mit dem Brustton der Überzeugung sagen: „Ich werde mal Feuerwehrmann“ oder was auch immer. Problem: Bis das Kind soweit ist, gibt es den Beruf in dieser Form vielleicht gar nicht mehr. Oder es sind zu wenige Stellen frei. Oder oder oder. Man ist ständig gezwungen umzudenken. Flexibilität. Lebenslanges Lernen. Ständiges Umschulen. Verändern des beruflichen Umfelds. Das wird von uns erwartet, und das kriegen wir ja auch ständig zu hören. Ein Kind mit sieben darauf hinzuerziehen, dass es mal Arzt, Anwalt, Fabrikarbeiter werden soll, kann gefährlich sein. Wenn es dann nicht klappt, bricht eine Welt zusammen. Was ist mit der guten alten Allgemeinbildung, die so viele Türen wie möglich offen halten soll? (auch so eine kleine Illusion, aber immerhin besser als eine sehr frühe Spezialisierung Marke „das und das brauche ich in meinem späteren Beruf eh nie, also hör ich auch nicht zu“ – der Lieblingssatz aller Lehrer, gelle…)

27 10 2009
retrakon

Seltene Einträchtigkeit auf Retrakon … 🙂
@Philipp: Besonders gefährlich finde ich das, was du im letzten Abschnitt ansprichst. Eine solche frühe Berufsberatung für Kinder kann auch zum „Ausmisten“ missbraucht werden. Der kann nicht rechnen, der soll schreiben. Die kann nicht schreiben, die soll putzen. Das kann nicht putzen, das soll beim Putzen helfen. Überspitzt formuliert. Fähigkeiten müssen im Kind reifen können.
@Selma: Zu den Erwachsenen, die nicht erwachsen werden wollen. Vielleicht werden deshalb Kinofilme für Kinder eigentlich für Erwachsene gemacht.

27 10 2009
Wieser

Ganz genau das wollte ich ansprechen. Bestes Beispiel für heranwachsende Fähigkeiten ist Albert Einstein, welcher bis zum 3. Lebensjahr nicht sprechen konnte und auch sonst so seine Schwierigkeiten in der Schule hatte. Hätte es damals auch schon diese „Ausmistung“ gegeben, wäre wohl einer der genialsten Köpfe unserer Zeit nicht zu dem gekommen, was er erreicht hat. Der kann nicht sprechen, der muss putzen. Albert Einstein als Hausmeister? Unvorstellbar….

27 10 2009
wiesion [ch]

http://video.google.com/videosearch?q=expedition+ins+gehirn

besonders „der grosse unterschied“ ist empfehlenswert.

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