Wenn das Gesichtsbuch das Gesicht verliert

23 10 2009

Mein Verhältnis zu Facebook ist gespalten. Das sage ich als aktiver User mit fast 500 „Freunden“. Denn der Umgang der Nutzer in und mit Sozialen Netzwerken ist nicht immer unproblematisch. Ob die Zeit, die damit verbracht wird, täglich sinnarme, und nicht einmal originelle Tests zu machen, um dann zu erfahren, dass man heute 87% sexy ist (und es egal ist, ob man aussieht wie ein Mülleimer oder wie der Fleisch gewordene Traum des anderen Geschlechts), nicht wesentlich sinnvoller genutzt werden kann, sei dahingestellt. Der Mensch braucht einen Tropfen Zerstreuung und findet einen Ozean. Facebook-Gruppen wie „Tod für Berlusconi“ oder „Uccidiamo Berlusconi“ zeigen hingegen ein anderes Bild der Web-2.0-Gemeinschaft. Auch wenn die Gruppen als „Just for fun“ gekennzeichnet waren, 17.000 Mitglieder sind nicht zu ignorieren. Dass die Aktions-Website geschlossen werden soll und bereits Anzeige erstattet wurde, kann unterschiedlich aufgefasst werden. Lächerlich, kleinkariert, antidemokratisch heißt es auf der einen Seite, notwendig und in diesem Fall richtig auf der anderen. Was „Just for fun“ ist, wird damit zum Streitgegenstand. Ob man Klopapier vor Gebrauch faltet oder verwurstelt, mag als Spaßbekenntnis durchgehen, bei einem Mordaufruf, wer immer auch das potentielle Opfer ist, wird es schon schwieriger. Die Oxford-Professorin und Bestseller-Autorin Susan Greenfield vertritt die These, dass Computertechnologien das menschliche Bewusstsein massiv verändern und das Gehirn infantilisieren können: Computerspiele verkürzen die Aufmerksamkeits-Spannen bei Kindern und fördern ADHS; Personen, die zu viel Zeit in Cyberwelten verbringen, leben nur für den „Thrill of the Moment“; durch Computerspiele kann der Sinn für Metaphern und abstrakte Konzepte verloren gehen, weshalb die Psyche der Zukunft mehr einer kindlichen als einer erwachsenen ähnle. Andererseits werden Fähigkeiten wie Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen in Cyberwelten seltener gefordert. Dadurch verkümmere möglicherweise der präfrontale Kortex, jenes Hirnareal, in dem Fantasie und Empathie angesiedelt sind. Die Folge könnte gesteigerte Risikofreude, Gier und Rücksichtslosigkeit sein. Just for fun.

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