Oh, dieses Twitter!

28 09 2009

Wir erinnern uns: Schon einmal wurden Wahlergebnisse in Deutschland vor offizieller Bekanntgabe auf Twitter veröffentlicht. Nachdem man daraus seine Lehren gezogen hat und für zukünftige Wahlen ein striktes Verbot ausgesprochen hat, tauchten nun zur Wahl am vergangenen Wochenende wieder zahlreiche Tweets mit den Wahlergebnissen auf – einige Stunden vor Schließung der letzten Wahllokale. Die Ergebnisse waren zum Teil vollkommen aus der Luft gegriffen und frei erfunden. Noch viel schlimmer aber ist die Tatsache, dass unter den Namen von Parteien Accounts angemeldet wurden, über die die falschen Daten gepostet wurden. Demokratiepolitisch gesehen ist dieses Verhalten problematisch. Selbst wenn die Ergebnisse nicht der Wirklichkeit entsprechen, können sie Wähler, die ihre Stimme noch nicht abgegeben haben, beeinflussen. Twitter konnte schon einige Male zeigen, dass es neben allen Überflüssigkeiten doch sinnvolle Anwendungen gibt. Selbsternannte Scherzkekse, die mit erfundenen Zahlen Unfug stiften, schaden dem Medium.

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10 responses

28 09 2009
Eric

Sind sie nicht golidg? Zeigt doch wieder einmal, daß man mit dem web wenigstens im weitesten Sinne aufgewachsen sein muss, um Dynamiken wie die von twitter sprichwörtlich begreifen zu können. Was will man von Leuten erwarten, die sich Staatsvertreter nennen, aber nicht einmal des Englischen ausreichend mächtig sind? Jemand schWesterwelle auf youtube gesehen?

„Se fall of se wall … ehm“

Kann doch alles nicht wahr sein!?! Joschka war schon mies…aber schWesterwell is der Hit!

Die Genis jedenfalls, die falsche Zahlen getwittert haben, waren sicher die gleichen, die auch Websperren für ’ne feine Idee hielten und halten.

Aber fast kann man es ihnen nicht übel nehmen. Denn die Genreation, die noch heute unsere Geschicke leitet, hängt sozialevolutionär ebenso zappelnd wie hilfols in einem ebenso virtuellen wie luftleeren Raum unserer Geschichte. Das Bild wäre amüsant, wenn es nicht vielmehr beängstigend wäre.

Ich kann mir aber sehr wohl vorstellen daß, wenn in zwei bis drei Legislaturperioden all diese Analogen der Politik entwachsen sind, Dinge wie Web-Recht etc. weitaus erwachsener gehandled werden.

…die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. :-/

28 09 2009
Selma

Das erinnert mich dran, dass ich vor etwa einer Woche einen Beitrag auf 3sat in der Sendung „Kulturzeit“ gesehen habe, worin es darum ging, ob das Vorstellen von „Wählertrends“ nicht auch schon manipulierend sei. Wenn man suggeriert, dieser oder jener Kandidat habe praktisch schon gewonnen/verloren, dann verunsichert das die Wähler doch genauso? Gesprochen wurde dabei mit dem ehemaligen DDR-Schriftsteller Schneider, der solche „Wahlprognosen“ für sehr problematisch hielt, auch wenn sie natürlich nicht „Prognosen“ heißen, sondern bloß „Trends“. Ich sage: Da müssen wir durch. Entweder, wir sind als Wähler in der Lage, allen „Trends“ oder „Twittereien“ zum Trotz das zu wählen, was wir für am sinnvollsten halten, oder mit unserer Mündigkeit ist es nicht weit her. Wenn Zweiteres der Fall ist (und ich behaupte: bei vielen ist es das), dann ist aber auch die ansonsten abgegebene Stimme keinen Pfifferling wert. Wer die Lila Liste nur deswegen wählt, weil Mami/Papi/Papst/Ronald McDonald oder Facebook sie empfiehlt („gefällt mir“), der kann morgen genauso und aus denselben „guten Gründen“ die Rosa Liste wählen. Und dann gewinnt am Ende der, der besser manipulieren kann. Wenn ich so darüber nachdenke: Die Situation haben wir bereits. Da ändert Twitter auch nicht mehr viel (auch wenn du richtigerweise einwenden wirst: deswegen muss man es aber nicht noch schlimmer machen).

29 09 2009
retrakon

Dann sind wir letzten Endes wieder dort angelangt, wo wir schon einmal waren. Nein, nicht im Zug, sondern bei der Mündigkeit. Ich gebe dir recht. Ein mündiger Bürger lässt sich von solchen Manipulationsversuchen (oder auch Scherzen) nicht oder so weit wie möglich nicht beeinflussen. Aber wie viele wirklich mündige Bürger gibt es wirklich? Zwei Trends, die sich in den meisten Wahlen der letzten Jahre gezeigt haben, sind: a) Wahlbeteiligungen sinken eher, als dass sie steigen, b) bis zum Wahltag unentschlossene Wähler werden eher mehr als weniger. So viel zur Mündigkeit. Du sagst selbst, dass derjenige gewinnt, der sich besser vermarktet. Dass Twitter daran nicht viel ändert, mag sein. Und ich glaube tatsächlich, dass man es nicht mit aller Gewalt noch schlimmer machen muss, als es ist.

29 09 2009
wiesion [ch]

wer seine gesunde skepsis gegenüber medien aufgegeben hat – oder gar nie entwickelt hat, bei dem spielt es keine rolle ob die manipulation via twitter oder facebook oder zeitung/tv geschieht… aber bzgl. twitter, pflege ich immer zu sagen: twitter ist ein riesiges sammelsurium von unbedeutender scheisse die sich gerne medial zu gold hochstilisieren lässt.

29 09 2009
retrakon

Bis jetzt habe ich Twitter kritisiert (und wurde dafür kritisiert). Es ist für mich der Ausdruck einer Gesellschaft, die „Gedanken“ nur mehr in SMS-Länge formulieren kann. Wenn ich aber einmal Twitter halb in Schutz nehme und die prinzipiellen Möglichkeiten anerkenne, dann proviziere ich in den Kommentaren eigentlich genau das, was ich gerne höre und lese. Interessant. Salman Rushdie schreibt in dem Buch, das ich zur Zeit lese: „Immer gegen den Strom rudern, nicht wahr, Birbal?“, erwiderte Akbar. „Bis vor einer Minute wart ihr noch der eifrigste Anwalt dieses Mannes, und jetzt, da er freigesprochen wurde, richten sich Eure Zweifel gegen ihn.

29 09 2009
wiesion [ch]

der zweifel, das misstrauen, das hinterfragen nenn ich psychische gesundheit wie sie jeder mensch besitzen sollte. frei nach nietzsche gehört alles absolute in die pathologie.

30 09 2009
retrakon

Da stimme ich dir voll zu. Ich finde es aber in Diskussionen immer wieder ernüchternd, wenn Gesprächspartner immer eine Gegenposition einnehmen, was immer auch das Gegenüber gerade äußert. Heißt das nicht, dass in so einem Fall nicht die eigene Meinung artikuliert, sondern nur die Gegenseite kritisiert wird? Oder anders ausgedrückt: Was mein Gegenüber denkt, hängt davon ab, was ich sage? Das kann doch auch nicht sein. So sehr ich Nietzsche auch schätze und von Jahr zu Jahr mehr schätze, ihn, den großen Visionär unserer Zeit.

30 09 2009
wiesion [ch]

das ganze leben besteht aus widerspruch und fehlern, man kompromittiert sich selbst andauernd, wechselt oder entwickelt seine meinungen weiter. dies zuzugeben bedeutet in unsrer zeit – wahrscheinlich in jeder zeit – jedoch „gesellschaftlichen selbstmord“, man wird nicht ernst genommen – obwohl aus diesen eingeständnissen das wesen des menschlichen lebens herausspricht… es gibt nichts absolutes, alles ist subjektiv empfunden und ändert sich mit den umständen, mit der zeit, mit den äusseren einwirkungen, mit den erfahrungen ebendieses subjekts, nicht der welt.

ja, ich kenne dieses verhalten – ich konnte das vor einigen jahren bei einem freund miterleben. immer wenn er etwas naives unüberlegtes von sich gab, musste ich ihm widersprechen und ihn zur kritik leiten. irgendwann ist mir aufgefallen, dass er aber zugleich sobald ihm jemand etwas naives unüberlegtes vorträgt, kritisch reagiert und auch argumentiert – und das nicht schlecht.

nicht umsonst war nietzsche weniger ein philosoph als vielmehr ein idealzerstörer, er nannte es „philosophieren mit dem hammer“, oder „götzen ihre thönernen beine abschlagen“… er kompromittierte sich selbst andauernd, war schamlos bis ins detail gegenüber sich selbst, gleichzeitig war er dermassen überzeugt von sich dass er sich praktisch mit einem „gott“ gleichsetzte. genau diese ehrlichkeit und schamlosigkeit gegenüber sich selbst und allen anderen machte ihn zu einem der rechtschaffensten männer der geschichte, so paradox das für die zeitgemässe wertevorstellung auch klingen mag.

in deinem letzten absatz ist noch die provokation enthalten, über nietzsche herzuziehen – aber ich glaube seine lebensgeschichte kennst du bereits, die ist jenseits von gut und böse 😉

„Die Lüge des Ideals war bisher der Fluch über der Realität, die Menschheit selbst ist durch sie bis in ihre untersten Instinkte hinein verlogen und falsch geworden bis zur Anbetung der umgekehrten Werthe, als die sind, mit denen ihr erst das Gedeihen, die Zukunft, das hohe Recht auf Zukunft verbürgt wäre.“

30 09 2009
retrakon

Provokation? Über Nietzsche herziehen? Das habe ich doch gar nicht. Ich meinte es ernst, dass ich ihn von Jahr zu Jahr mehr schätze. Die „Götzendämmerung“ ist eines meiner liebsten Bücher und „Wie die ‚wahre Welt‘ endlich zur Fabel wurde“ ist einer der genialsten Texte überhaupt. Diese Kürze und Prägnanz. Selten. Nichtsdestotrotz widerspreche ich ihm in seinen Grundannahmen. Das ändert aber nichts an der Wertschätzung.

30 09 2009
wiesion [ch]

genau darum ging es ihm, zumindest als er noch nicht geistig umnachtet war. danach kamen genau die verhasste götzenpredigten von ihm, „der antichrist“ würde in meinen augen den frühen nietzsche mehr zu einer „hammerpartie“ einladen als seine zustimmung erwecken. vom „wille zur macht“ brauchen wir nicht reden, das werk wurde von seiner antisemitischen schwester erfunden und steht nicht umsonst auf dem index…

seinen zarathustra liess er auch verlauten: „und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.“ der prophet als anti-prophet 😉

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