Mobbing 2.0

15 09 2009

In der Pro7-Sendung „Schlag den Raab“ trat ein Kandidat namens Hans-Martin gegen den Moderator an. Er wirkte auf die Mehrheit der Zuseher (nach allem, was darüber geschrieben wurde) sehr ehrgeizig, aber nicht besonders sympathisch. Er habe sich ständig selbst angefeuert und überheblich und oft auch irrational reagiert. Parallel zur Sendung entwickelte sich eine Art virtueller Pogrom gegen den Kandidaten. Geschützt durch die Anonymität im Internet, wurde er in Sozialen Netzwerken und anderen Web-2.0-Applikationen verspottet, gedemütigt und beschimpft. Auf Twitter gab es bald den Hashtag #Hassmartin, mit dem entsprechende Nachrichten gekennzeichnet wurden. Ein User hatte sich sogar den Twitter-Account @Hassmartin reservieren lassen; innerhalb kürzester Zeit verzeichnete er hunderte Follower. Außerdem kursierten über Twitter eine Menge unvorteilhafter Screenshots und Videoclips der gemobbten Person. Sogar im offiziellen Pro7-Forum ließen es die Webmaster zu, dass im Sekundentakt Hasstiraden gegen den Kandidaten gepostet werden konnten. Anderenorts war es kaum besser. Innerhalb von 40 Minuten hatte auf StudiVZ „Die große Anti-Hans-Martin Gruppe“ über 330 Mitglieder, wenig später waren es fast 700. Ein Online-Shop für T-Shirts verkauft „Deine Mudder heisst Hans-Martin“- und „I survived Hans-Martin“-Shirts. Der abartigen Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Schließlich hat er dann Stefan Raab knapp geschlagen und dafür 500.000 Euro Preisgeld erhalten. Dafür wurde er vom Publikum ausgebuht. Viele sind sich einig: Der große (Quoten-)Gewinner war Pro7. Wir erreichen langsam japanisches Niveau. „Namidame“ zum Beispiel: Kern der Show ist ein Wettbewerb, bei dem zehn junge Frauen darum kämpfen, wer am ausdauerndsten, heftigsten und tränenreichsten weint. Sie werden dazu für eine Woche in ein Haus gebracht, wo sie ihre Tränen in Messbechern sammeln sollen. Um den Tränenfluss anzuregen kommt es zu gegenseitigen persönlichen Beleidigungen oder sogar tätlichen Angriffen. Jede Woche scheidet eine Frau aus. Die Gewinnerin erhält einen Geldpreis. Inwieweit sollte sich Fernsehen nur daran orientieren, was das Publikum verlangt? Was macht man mit folgendem Argument: TV-Sender sollen Programme senden, die gesehen werden wollen. Trägt Ekel-TV dazu bei, dass Menschen abstumpfen? Oder sollte man es mit Nietzsche halten: Nur weil Menschen schon abgestumpft sind, hat Ekel-TV überhaupt eine Chance.