Internet Manifest Maniflüssig Manigasförmig

7 09 2009

Sascha Lobo, Kathrin Passig und andere übliche Verdächtige haben ihre Vorstellungen von Journalismus im Internet in 17 Punkte gegossen und nennen das „Internet Manifest“. Das meiste davon klingt auf den ersten Blick vernünftig oder sogar naheliegend (banal?), einiges fordert eine Diskussion geradezu heraus, anderes wiederum ist vielleicht gut gemeint, aber kann der Wirklichkeit nicht standhalten. Hier die 17 Ergüsse:
1. Das Internet ist anders.
2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.
3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.
4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.
5. Das Internet ist der Sieg der Information.
6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.
7. Das Netz verlangt Vernetzung.
8. Links lohnen, Zitate zieren.
9. Das Internet ist der neue Ort für den politschen Diskurs.
10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.
11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.
12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.
13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.
14. Das Internet kennt viele Währungen.
15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.
16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.
17. Alle für alle.

Nun als Diskussionsgrundlage einige erste Gedanken, die mir zu diesem Manifest durch den Kopf gegangen sind:
ad 1) Anders als was? Als ein Fernseher? Als eine Zeitung? Ein Mikrowellenherd ist auch anders.
ad 2) Dazu heißt es: „Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden“. In anderen Worten, nun kann auch Dreck noch viel billiger verbreitet werden. Das ist die andere Seite.
ad 3) Gertrude Stein lässt grüßen. Findet also Leben nur noch virtuell statt?
ad 4) Nichts ist unantastbar! In einer Welt, in der alles gilt, alles möglich ist, alles erlaubt ist! Oder ist das Internet das Maß aller Dinge?
ad 5) Das Internet ist der Sieg der Daten, nicht der Information. Tera Peta Exa Zetta Yotta Byte!
ad 6) Nein, weil alles noch schneller und noch billiger produziert werden muss. Qualität braucht Zeit!
ad 7) Und das Schnitzel schnitzelt und der Hase häselt und das Sein seint. Wo bist du, Heidegger?
ad 8 ) Die Autoren sprechen von „Zitate[n] – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers“. Wenn jeder von jedem stiehlt, dann, so scheint es mir, gewinnt der größte Dieb.
ad 9) Ein guter Gedanke. Aber nicht anonym! Wer diskutiert, muss mit seinem Namen dazu stehen, sonst wird dem Denunziantentum Tür und Tor geöffnet.
ad 10) Ja, und das neue Schwarz ist Grau und das neue Rot ist Gelb.
ad 11) Im Prinzip stimme ich dem zu. Für die Masse bedeutet das aber eine nicht mehr bewusst zu bewältigenden Datenmenge. Deshalb gibt es ein Zuviel an „Information“.
ad 12) Das musste ja kommen. Gleichzeitig zeigt der Punkt auf, worum es geht: Ums Geld. Damit mögen die Autoren natürlich recht haben, aber wer legt fest, dass die ökonomische Diskursart die einzig richtige ist?
ad 13) Also doch?
ad 14) Schon wieder Geld! Ich lese deine Seite und tu so, als würde ich die Werbung am Rand sehen und dafür bekommst du Geld für deinen Text, damit du dir bei eBay etwas kaufen kannst.
ad 15) Ist das eine Forderung? Eine Feststellung? Eine Drohung? Manchmal wäre es wünschenswert, wieder etwas tilgen zu können. Geschäftszweig für die Zukunft: Wir löschen ihren Dreck für Sie! (diese Dienste gibt es schon)
ad 16) Natürlich. Und Quantität ist die wichtigste Quantität. Wer heute auf 10.000 Seiten zugleich die gleiche Meldung bringt, ist obenauf, ob die Nachricht stimmt oder nicht, ist unerheblich.
ad 17) Eine Vision? Eine Illusion?

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10 responses

7 09 2009
Wieser

Zu Punkt 4) Die Freiheit des Internet soll unantastbar sein. Klassisches Wunschdenken, denn in einer Zeit, in der soviel Add- und Spyware vorhanden ist, kann man noch kaum von einer Freiheit reden. Was werden uns die nächsten Jahre bringen? Internet 2.0? Falls dies eintritt ist die Freiheit des Internet nur noch zu belächeln, es wird dann wie ein Fernsehen, wo alles vorgegeben ist, was man betrachten darf und was nicht. Sozusagen die totale Zensur, wie es heute im Fernsehen ist. Aber der Mensch hat ein Bedürfnis auf Meinungsäußerung, waodurch wird er sich dann bedienen, wenn das Internet dies nicht mer zulässt? Das Radio? Wer weiß. 1 Schritt nach vorne und 2 zurück.

7 09 2009
retrakon

Mir scheint auch, dass bei den Autoren Wunschdenken bzw. ein Soll-Zustand im Vordergrund steht und nicht so sehr die Realität anerkennt. Meine Anti-Spyware-Software muss mich vor über 114.000 Programmen schützen. Das sagt alles. Die Freiheit wirklich nutzen kann nur der aufgeklärte Mensch, alle andere gehen darin unter.

7 09 2009
Öle

„Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.“ Diesen Satz kann man herrlich in der Luft zerreisen! Bei zu vielen Informationen kann das Belanglose nicht mehr vom Relevanten unterschieden werden. Ist es wichtiger zu wissen, dass Lady Gaga ein Zwitter ist, oder dass Angela Merkel in den Umfragen zur Bundestagswahl vor Frank-Walter-Steinmeier lieg? Mit anderen Worten: Klatschgeschichten, dürfen nicht gleich wichtig eingestuft werden, wie wichtige Informationen aus Politik Wirtschaft und Sport. Bei zu vielen Informationen wird der Mensch eingelullt, überbeschäftigt und orientierungslos.
„Das Internet verändert verbessert den Journalismus.“ Der Internet-Journalismus ist noch stärker unter Zeitdruck, als die traditionelle Medien. Dies bedeutet grundsätzlich, dass auch weniger Zeit für die Recherche bleibt. Darunter leidet die Qualität.

7 09 2009
retrakon

Ja. Ja. Ja, Öle. Ein wenig den Zeitgeist während des Unterrichts kritisieren (manchmal auch mit Füßen treten) scheint doch etwas gebracht zu haben. Die Saat geht auf. 😉

7 09 2009
Kno.M.

Ein Vertreter der Exkludisten?
Ich unterstütze den Satz des Autors eigentlich vollkommen. Es gibt nicht „zu viel Information“, sondern nur „zu wenig Medienkompetenz“. Wer behauptet entscheiden zu können, was für irgendeinen Menschen außer ihm selbst relevant ist, leidet eindeutig an Hybris.

8 09 2009
Öle

Das hat nichts mit Exklusion zu tun, sondern mit Regulierung, die es in einer Gesellschaft zweifelsohne braucht. Gegenfrage: Wo wird den Menschen schon Medienkompetenz beigebracht? Ein bewusster Umgang mit den Medien fehlt. Wir wissen zwar, wie Internet und Fernseher zu bedienen sind, aber nicht wie sich diese Medien auf unser Verhalten und auf unsere Denkweise auswirken. Meine Behauptung: Der Mensch ist bei der heutigen Informationsflut überfordert, das Wesentliche heraus zu filtern.

7 09 2009
Kno.M.

Noch ein Kommentar zum Kommentar zu 1.

„Das Internet ist anders.“ scheint sich in dem Zusammenhang nicht, wie hier angenommen auf vergleichbare Sachgüter zu beziehen, sondern eher auf die gängigen Gesellschaftsformen. Die Gesellschaft Internet ist einfach anders als jede etablierte Form des menschlichen Zusammenlebens und muss deshalb auch erst neu erfahren werden. Sie lässt sich in kein Raster pressen und schon gar nicht durch bekannte Messgrößen erfassen, oder durch konservative Gesetzgebung regulieren. Das Internet ist einfach anders.

7 09 2009
Selma

Es mag daran liegen, dass ich einen verdammt langen Tag hatte, aber heute fällt mir zu diesem sogenannten „Manifest“ nur ein: Verdammt noch mal, was soll diese besch… ränkte Verschlagwortung von alles und jedem? Muss man wirklich auf Druck jeden Gedanken in maximal vier Worte packen? Weniger ist mehr, klein, aber oho, Frechheit siegt, rest in peace? Natürlich kriegt man da Lust, Fußnoten zu schreiben und zu den Fußnoten nochmal Fußnoten usw. Aber sich gleich von vorneherein klar und halt, mein Gott, auch mal ein bissl wortreicher ausdrücken – nada. Reduziere dein Weltbild auf max. 100 Anschläge (plus Leerzeichen). Sag, was dich stört – in zwei Zeilen. Schreib ein Manifest in 17 Punkten. Und sag damit möglichst ALLES (und damit am Ende: NICHTS). Hier bleibt so viel Interpretationsspielraum, dass sich die stolzen Manifest-Verzapfer immer auf irgendwas rausreden können. Man stelle sich vor, Marx hätte das damals auch so gemacht.

8 09 2009
wiesion [ch]

naja ich weiss nicht so recht was ich von dem sog. manifest halten soll, aber ein paar punkte möchte ich noch ansprechen:

1) dass das internet anders ist als mein holztisch mit schublade ist soweit klar, dafür brauch ich keine möchtegern-philologische aussage.
2) in der jackentasche ists auch nur dann wenn ich mir einen mobile internet vertrag antue, – und ja; man kann demnächst wirklich von EINEM EINZIGEN imperium sprechen
3) als webdeveloper muss ich über solche aussagen lachen, man schaue sich alleine den von twitter und youtube veranstalteten „war on iran“ an. zum glück ging das mal vorübergehend in die hose. es gibt mittlerweile bots die ein wenig ahnung von semantik haben – sie werden von tag zu tag besser
4) die götter waren auch unantastbar
5) vorübergehend mag das so aussehen, wird aber parallel zum staatapparats-wachstum zum sieg der desinformation „avancieren“
7) das netz wird soweit vernetzt, wie es die betreiber der teile des netzes zulassen, also eine rein willkürliche entscheidung.
10) das ist allein aus rechtsstaatlicher sicht „kompletter kompott“ (unterschied zwischen natürlichen und juristischen personen)
15) gehts noch widersprüchlicher – wie sollen dann punkt 3, 5 und 9 realisierbar sein?
17) einfach toll.

ist dies manifest aus jugendlichem tatendrang entstanden oder als philologischer erstversuch gedacht gewesen? man merkt jedenfalls dass es vom ersten bis zum letzten punkt nicht einheitlich formuliert wurde und sicherlich auch nicht konsequent durchdacht wurde. nietzsche würde sich im grab umdrehn.

9 09 2009
Kno.M.

@Öle
Stimmt vollkommen, der Mensch ist mit der Informationsflut hoffnungslos überfordert. Aber das war er mit fast jedem Medium. Die Antwort kann nicht sein, dass wir die Informationen dem Menschen entziehen und bestimmen, welche davon für ihn relevant zu sein haben. Sicher sind viele von uns von den meisten angebotenen „Informationen“ nur noch genervt, was aber keinen(!) dazu befugt die Informationen dem Rest der Menschheit zu entziehen. Wer das glaubt, darf auch nicht mehr gegen Zensur wettern … er verhält sich selbst zensierend.

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