Große Nachfrage nach kleinem Hitler

18 07 2009

Auf LN-online.de ist heute Folgendes zu lesen: „Der Streit um die sogenannten Hitler-Zwerge des Nürnberger Kunstprofessors Ottmar Hörl hat geradezu einen Nachfrage-Boom nach den Skulpturen ausgelöst. Seit zwei Tagen bekomme er Anfragen von Kaufinteressenten aus aller Welt, berichtete der Künstler am Freitag. Darunter seien auch viele renommierte jüdische Kunstsammler in den USA. […] Wegen des Gartenzwergs, der den rechten Arm zum Hitlergruß ausstreckt, ermittelt inzwischen die Nürnberger Staatsanwaltschaft.“ Meine Fragen an euch: Wie frei ist die Kunst? Darf man mit Hitler Geschäfte machen? Würdet ihr euch einen Adolf-Zwerg in den Garten stellen? Ist es nicht langsam langweilig, mit immer denselben Themen für Aufregung zu sorgen? Hitler in Deutschland, Brustnippel in den USA, Kreuze in Südtirol … das funktioniert doch immer. Diese Kunst ist keine Kunst.

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4 responses

19 07 2009
Selma

Ehrlich gesagt, finde ich diese Zwergenskulpturen als Kunstwerke recht gelungen. Ich habe – wieder einmal angeregt durch einen deiner Artikel (danke!) – ein bisschen über die Hintergründe recherchiert und bin zum Schluss gekommen, dass mich Hörls Konzept überzeugt. Der Gartenzwerg steht ja für eine bestimme Gesellschaftsschicht, für eine bestimmte Haltung und Weltanschauung. Und NS-Gedankengut hat in solchen Kreisen immer einen guten Nährboden gefunden (um bei der Botanik zu bleiben). Hier wird schon etwas Wichtiges demaskiert, und ich glaube, es muss auch heute noch möglich sein, auf solche Zusammenhänge hinzuweisen, auch wenn viele mit den Augen rollen. Langweilig finde ich das nicht. Das, was die Nazis dachten und wollten, ist nicht vorbei, begraben und verschwunden. Es lauert noch immer in Herrgottswinkeln, Kleiderschränken, Schmuckschatullen und Gartenzwergidyllen. Hier macht einer nicht Geschäfte mit Hitler (ganz nebenbei: die Zwerge schauen aus wie vergoldete oder jedenfalls einfarbige Plastikzwerge, nicht wie Hitler). Hier weist einer auf die Gefahren des Spießbürgerlichen hin. So jedenfalls interpretiere ich das. Aber, ganz ehrlich (und damit beantworte ich deine Frage): In den Garten stellen würde ich mir so einen Zwerg nicht. Ich bin schon froh, wenn ich nicht irgendwann herausfinde, dass der Nachbar gegenüber in Wirklichkeit so ein Zwerg _ist_.

19 07 2009
Selma

Nachtrag für alle, die sich das ansehen möchten (und keine Berühungsängste mit Niederländisch haben):

19 07 2009
kurt gritsch

ich finde die idee nicht schlecht. immerhin werden nationalsozialisten als zwerge, als gartenzwerge, dargestellt. keine „erwachsenen“, sondern „zwerge“. mitläufer. keine eigenständigen menschen. nicht zu vergessen die schrebergarten-anspielung, die häuslbauer-idylle, die basis der braunen ideologie. oder, wie Thomas Bernhard im „Theatermacher“ geschrieben hat: „Sie sagen sozialistisch und meinen nationalsozialistisch. Sie sagen katholisch und meinen doch nur nationalsozialistisch.“

ob so ein gartenzwerg nicht in (fast) jedem von uns schlummert?

20 07 2009
retrakon

Ich stimme euch im Großen und Ganzen ohnehin zu, ich glaube nur, dass der Skandal um bestimmte Kunstwerke programmierbar, voraussehbar, damit auch kalkulierbar und planbar ist. _Das_ gefällt mir nicht an dieser Form von Kunst. Als ich die Zwerge gesehen habe (ja, Selma, schon bevor ich den Beitrag geschrieben habe 🙂 ), war ich eigentlich etwas enttäuscht, denn mit Ausnahme des erhobenen Arms sind sie ganz unadolfig. Das zeigt aber nur wiederum, wie leicht es ist, mit bestimmten Reizthemen Aufsehen zu erregen. Ich wage zu behaupten, dass das auch dann noch funktioniert, wenn es (hypothetisch) auf der ganzen Welt keinen einzigen (Neo-)Nazi mehr gibt. Ganz so nebenbei: Die Häuslbauer-Idylle kann auch ganz positiv besetzt sein. Und sagt jetzt nichts dagegen! 🙂

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