Volle und leere Worte

19 04 2009

»Worte beginnen „voll“; sie werden erst leer: durch dauernden Gebrauch. Wer das Wort „Tisch“ ausspricht, meint damit gewöhnlich einen Gegenstand mit vier Beinen, die eine Platte tragen. Wer dieses Wort aber zweihundert Mal hintereinander ausspricht, wird merken, wie das Gemeinte sich verflüchtigt. Von dem Wort bleibt nur noch ein Klang oder ein Geräusch zurück. Dafür sorgt der Doppelsinn der Wiederholung. Daß man eine bestimmte Lautfolge beliebig oft wiederholen kann, das erst macht sie zu einem Wort. Nur die Wiederholung hebt das Wort aus dem Lautfluß hervor, nur sie gibt ihm Nachdruck. Wiederholung bekräftigt. Von einem bestimmten Punkt an jedoch tut sie das Gegenteil; sie nutzt die Worte ab, und abgenutzte Worte werden leer. Leere Worte sind durch Dauergebrauch entleerte Worte. Sie waren einmal voll.«
aus: „Philosophie des Traums“ (Christoph Türcke), Seite 166

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